Straßenkreuze werden meist pietätvoll geduldet

An der Rottbergerstraße stehen am Dienstag den 20.11.2011 drei Wegekreuze . Foto: Uwe Möller WAZ FotoPool
An der Rottbergerstraße stehen am Dienstag den 20.11.2011 drei Wegekreuze . Foto: Uwe Möller WAZ FotoPool
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Die Straßenkreuze: „Sie werden geduldet“, erklärt Bernd Löchter von Straßen NRW, „wenn sie nicht den Verkehr behindern.“ Nimmt man es streng, müsste eine Sondernutzungsgenehmigung beantragt werden. Die unbürokratische pietätvolle Duldung bedingt sich von selbst. Diejenigen, die eine Gedenkstätte errichten, wissen meist um die Gefahr dieser Stelle.

Velbert.. Je näher man kommt, desto mehr wird man in ein Schicksal involviert. Meistens fährt man aber nur vorbei, der Blick fängt sich für wenige Augenblicke, ein Gedanke der Dankbarkeit flitzt irgendwie durch den Kopf und dann ist alles wie früher. Aber nicht für alle.

Einige kommen gezielt, stellen sie auf und pflegen sie – die Straßenkreuze. Jedes Kreuz steht für ein verlorenes Leben, den Tod eines geliebten Menschen. Umgekommen im Straßenverkehr. Verkehrstod. Mit den Straßenkreuzen bekommen Unfallopfer ein Gesicht, wird die Unfallstatistik beklemmend lebendig. Das Schicksal der Angehörigen schwappt aufs eigene Gemüt.

Geduldet

Dürfen die Angehörigen überhaupt eine persönliche Gedenkstätte errichten? „Sie werden geduldet“, erklärt Bernd Löchter von Straßen NRW, „wenn sie nicht den Verkehr behindern.“ Daniela Hitzemann vom Kreis äußert sich ähnlich, ergänzt aber: „Nimmt man es streng, müsste eine Sondernutzungsgenehmigung beim Straßenbaulastträger beantragt werden.“ Genau genommen sei die „Rechtslage eindeutig“, sagt Löchter, es sei eine „Anbauverbotszone“.

Aber unterm Strich, das bestätigt auch Stadtsprecher Hans-Joachim Blißenbach, sei es kein Problem. „Ich kann mich nicht erinnern, dass im Kreis Autofahrer durch die Kreuze gefährdet waren“, sagt Hitzemann. Und Löchter fügt hinzu: „Es gibt keine Tempel und Altare in Ecken, die die Sicht behindern.“ Die unbürokratische pietätvolle Duldung bedingt sich von selbst. Diejenigen, die eine Gedenkstätte errichten, wissen meist um die Gefahr dieser Stelle.

Andere Menschen teilen die Erinnerung an diesen Ort, sie waren dort – beim Unfall: Zeugen. Sie rufen Feuerwehr oder Polizei, die den Notarzt. „Es sind emotionsgeladene Infos, die wir bekommen“, sagt Polizeihauptkommissar (PHK) Bernd Hildebrand. Der Leiter Verkehrsunfallprävention meint, die ersten Angaben erhielten bereits die wichtigsten Hinweise, um auf die Schwere des Unfalls Rückschlüsse ziehen zu können. Trotzdem „verschafft man sich erst einmal einen Überblick“, erklärt Dr. Astrid Gesang, Geschäftsführerin des Klinikums. Die Notärztin hat über 10 000 Einsätze gefahren. Für Notfallmediziner seien das trainierte Situationen. Genau wie die Fähigkeit voll einsatzbereit zu bleiben. „Mit fokussierten Tunnelblick“, beschreibt Gesang, „werde Hilfe geleistet“.

Warnend

Ist niemand mehr zu retten, „sind die Gefühle sehr unterschiedlich“, berichtet der Polizeibeamte. Es käme auf die Beziehung an, die man aufgebaut habe. Zum einen zum Verunglückten, wenn er etwas später seinen Verletzungen erliegt. Zum anderen vergleiche man das Opfer teilweise mit seiner eigenen Familie. „Wenn ein Kind stirbt und sie selbst eins in gleichen Alter haben, wird es belastend“, erklärt PHK Hildebrand. „Man projiziert, ,Das könnte auch mein Kind sein’“, ergänzt Gesang. Die Ärztin betont aber: „Die wichtigste Eigenschaft eines Notfallmediziners ist, voll einsatzfähig zu bleiben.“

Nach getaner Arbeit gebe es „unterschiedliche Bewältigungsstrategien“, so die Geschäftsführerin. „Ich rede mit meinem Team, um posttraumatische Belastungssymptome zu verarbeiten.“ Nach Hause nehmen, dürfe man das Erlebte nicht. Für die Polizeibeamten stehen ebenfalls geschulte Gesprächspartner oder Seelsorger zur Verfügung. Trotzdem: „Wenn man die Kreuze sieht, kommen die Bilder zurück“, erzählt Gesang, „sie sind in der Großhirnrinde eingebrannt.“

Am Unfallgeschehen beteiligte Angehörigen werden nach den Akutbehandlungen des Notarztes ebenfalls von diesem betreut. Ansonsten erklärt der Polizeihauptkommissar: „Die Übermittler der traurigen Mitteilung sind gesondert geschulte Polizeibeamte.“

Sind die Kreuze bessere Warnschilder als die offiziellen roten Dreiecke mit dem schlitternden schwarzen Wagen? Sicher ist, emotional sind sie ausdrucksstärker, vielseitiger, warnender. Je länger die Zeichen des Unglücks, des Todes an einem Ort stehen und gepflegt werden, gar Blumen ausgetauscht und ein Licht brennt, desto intensiver wirken die Kreuze.

 
 

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