Mit Handy-Verträgen geraten Jugendliche in die Schuldenfalle

Der Niedrigzins führt nicht dazu, dass die Verbraucher mehr Kreditverträge abschließen.
Der Niedrigzins führt nicht dazu, dass die Verbraucher mehr Kreditverträge abschließen.
Foto: WAZ FotoPool
Die derzeitigen Niedrigzinsen führen nicht zu vermehrter Kreditaufnahme, heißt es bei der Sparkasse Velbert. Aber Schulden machen die Verbraucher natürlich trotzdem, wie sowohl die Schuldnerberatungsstelle der Diakonie feststellen muss, wie auch die Verbraucherberatung.

Velbert.  Die Zinsen sind niedrig – leihen sich die Menschen deshalb auch eher Geld bei ihrer Bank? „Nein“, erklärt Oliver Radulovic, Sprecher der Sparkasse Hilden, Ratingen, Velbert mit Entschiedenheit. Im letzten Jahr war sogar eher das Gegenteil der Fall: Die Sparkasse konnte sich über einen Einlagenzuwachs von sieben Prozent freuen.

Aber auch wenn der Niedrigzins nicht unbedingt zum Geldleihen führt, Schulden machen die Menschen trotzdem, wie Jürgen Sevecke von der Schuldnerberatung der Diakonie täglich erfährt: „Die Leute werden mit Null-Prozent-Angeboten gelockt“, erklärt er und sie vergessen zu rechnen. Zwar können sie Möbel, Flachbildschirm oder das neue Auto auf Raten und ohne Zinszahlung kaufen, aber die Raten bleiben natürlich. Und dann kommt womöglich ein Ratenvertrag zum anderen und am Ende reicht das Geld nicht mehr.

Schuldner kommen erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist

Und „wenn das Kind dann in den Brunnen gefallen ist“, kommen sie zur Schuldnerberatung. „Es ist die absolute Ausnahme, dass jemand vorher kommt“, klagt Sevecke, obwohl es auch Präventionsangebote gibt. Die Haushaltsaufstellung ist der erste Schritt: Wie viel Geld kommt jeden Monat rein und was muss davon bezahlt werden? Da zeige sich dann schnell, dass ein neuer Ratenkauf nicht drin ist.

Bei Jugendlichen sind oft Handy-Verträge die Schuldenfalle. Manche haben sogar vier oder fünf, weiß Sevecke. Ein paar davon auch abgeschlossen für Freunde, die wegen ihrer Schufa-Einträge keine mehr bekommen: „Dann ist die Freundschaft schnell zu Ende.“ Bei den Erwachsenen wird es oft eng, wenn mit Familiengründung das zweite Einkommen wegfällt, die staatliche Leistung für das Kind aber nicht ausreicht.

Schuldnerberatung hat Wartezeit von mindestens einem Monat

Am Ende geht womöglich gar nichts mehr und die Schuldner landen bei Sevecke und seinen Kollegen in der Beratungsstelle. Gut 300 Neuaufnahmen gibt es jedes Jahr und rund 600 langfristige Betreuungen. Mit Wartezeiten von ein bis zwei Monaten müssen verschuldete Hartz IV-Empfänger rechnen, Erwerbstätige sogar mit mehr als vier Monaten.

„Die Leute kommen, wenn die Sache nicht mehr zu managen ist“, klagt auch Andreas Adelberger, Leiter der Verbraucherberatungsstelle. Sie fallen auf den Slogan „Heute kaufen, Morgen bezahlen“ rein und spätestens bei Arbeitsplatzverlust oder längerer Krankheit läuft die Sache aus dem Ruder.

Beim Zweijahresvertrag fürs Handy werden 1500 Euro fällig

Bei Jugendlichen sind es auch seiner Erfahrung nach Handy-Verträge, die sie in die Schuldenfalle führen. Sie fallen auf Zusatztarife rein und zahlen am Ende für einen Zweijahresvertrag 1500 Euro und „sind schon in jungen Jahren wegen so einem Mist verschuldet“, ärgert sich Adelberger. Bei den Erwachsenen ist es der Konsum im allgemeinen, der zu Schulden führt, weil kaum jemand erst spart und dann kauft. Zumal es ja fürs Sparen auch kaum Zinsen gibt.

Adelberger empfiehlt gerne das Führen eines Haushaltsbuches, das ja heutzutage völlig aus der Mode gekommen sei, aber „zu überraschenden Einsichten“ führen kann. Die Schnelllebigkeit der Zeit, bargeldloser Zahlungsverkehr, Rechnungen Online – das alles führe dazu, dass man nicht mehr wirklich sehe, „wie schnell einem das Geld durch die Finger rinnt und das Konto in die Miesen gerät.“

 
 

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