Geschichten aus der Langenberger Geschichte

Eine Skizze aus der „Vossnacker Volksschulchronik – Zwei Silbergroschen für einen Schüler“.
Eine Skizze aus der „Vossnacker Volksschulchronik – Zwei Silbergroschen für einen Schüler“.
Foto: WAZ
Alte Kladde bescherte den Velberter Heimatforschern Dr. Helmut Grau, Josef Johannes Niedworok und Sven Polkläser einen Schatz, den sie im Buch „Zwei Silbergroschen für einen Schüler“ weitergeben.

Langenberg..  Eigentlich war sie ein Zufallsfund – die handgeschrieben Kladde, die einige ehrenamtliche Mitarbeiter des Amts für Bodendenkmalpflege im Rheinland im Zuge anderer Recherchen im Velberter Stadtarchiv fanden.

Und zunächst schien es auch kaum mehr als mühsamste Trans­kriptionsarbeit zu sein, was sie da in einem alten Karton entdeckt hatten. Doch als man daran ging, die handschriftlichen Eintragungen in unterschiedlichster Current- und Sütterlinschrift zu entziffern, merkte man schnell, auf was für einen Schatz man da gestoßen war. Ein Schatz, der nun auch – in lateinischer Druckschrift – jedermann zur Lektüre vorliegt: als Buch „Vossnacker Volksschulchronik – Zwei Silbergroschen für einen Schüler“.

„Schulchronik – da haben wir zunächst natürlich an eher trockene Materie gedacht“, erinnert sich Dr. Helmut Grau, als er das Buch jetzt gemeinsam mit den anderen beiden Autoren, Josef Johannes Niedworok und Sven Polkläser, im Scala-Verlag Scheidsteger vorstellte. Der Germanist Grau übernahm es auch, die in verschiedenen „altdeutschen“ Schriften verfasste Chronik in die lateinische Schrift zu „übersetzen“. „Und wir waren schon sehr früh sehr positiv davon überrascht, was wir da zu lesen fanden“, erinnern sich die drei Heimatforscher.

Orts- und Schulchronik zugleich

Fand sich doch in der Kladde viel mehr als nur Schülerzahlen, Lehrmittelausgaben oder Lehrernamen: Der Fund zeichnet ein detailliertes Bild der Bauerschaft Vossnacken und erzählt die Geschichte einer Schule, die ihre Entstehung einem stolzen Standesbewusstsein und elterlicher Fürsorge gleichermaßen verdankte; eine Chronik, die auch weltgeschichtliche Ereignisse aus dem Blickwinkel einer kleinen, für eben diese Weltgeschichte völlig bedeutungslosen Landschule beschreibt; die vor allem aber vollgestopft ist mit Anekdoten und Skurrilitäten „vom Vossnacken“.

„Diese Chronik ist ein Spiegel der 150-jährigen Geschichte der Bauerschaft Vossnacken“, sagt Niedworok. 1789 auf dem damals noch zu Neviges gehörenden Vossnacken gegründet, sollte die Schule vor allem eins: Den Kindern ihrer 14 Gründungsväter, samt und sonders mehr oder weniger reiche Bauern aus (dem heutigen) Essen, Langenberg und Velbert, die langen Schulwege in die „amtlichen“ aber weit entfernten Schulen zu ersparen.

Das Los entschied, welcher Bauer das Schulhaus errichten und das Legat, aus dem die ärmeren Schüler ihre Unterrichtsmittel erhielten, einrichten musste: Es traf den Bauern Singscheid aus Essen.

„1863 gab es dann einen Ministerialerlass, der Volksschulen anwies, eine Chronik zu führen“, berichtet Grau. 1872 wurde präzisiert, wie die Chronik, die von den „Hauptlehrern“, also den „Rektoren“ zu führen war, auszusehen hatte: Eine Ortschronik sollte sie sein, auch Randerscheinungen des örtlichen Lebens erfassen, von Festen und Feiern, besonderen Ereignissen und „Merkwürdigkeiten“ berichten.

„Zwei Silbergroschen für einen Schüler“ ist 190 Seiten stark, reich bebildert und zum Preis von 24,80 Euro im Buchhandel erhältlich.

Liederliches Leben und stinkendes Krähenparadies

Aus der „Vossnacker Volksschulchronik“ ist ein pralles Zeitzeugnis geworden. Fanden doch – neben Schülerzahlen, schulinternen Statistiken und einem Verzeichnis der Lehrer – auch viele mit der Schule scheinbar gar nicht in Zusammenhang stehende Ereignisse Einzug in die Aufzeichnungen.

Weltgeschichtliches, ja, aber auch Lokales: Zum Beispiel der Bericht über den Abdecker Bredtmann, der seine Wiese mit Schlachtabfällen düngte – und so ein abscheulich stinkendes Paradies für alle Krähen der Umgebung schuf.

Doch auch das schulische Leben selbst sorgt für heitere Randnotizen. Zum Beispiel, wenn von der Lehrerin Wilhelmine Tewis erzählt wird. Die ihren Schülern aus ihren Liebesbriefen vorlas, ein liederliches Leben führte, ihrer Klasse kaum das Lesen beibrachte und deren Entlassung aus dem Schuldienst am 23. Dezember 1889 vom Hauptlehrer mit dem Stoßseufzer kommentiert wurde: „Wolle Gott unserer verwahrlosten II. Klasse bald einen würdigen Lehrer bescheren.“

 
 

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