Forscher berichten aus einer alten Velberter Schulchronik

Die Vossnacker Schule heute – von der Kupferdreher Straße aus gesehen.
Die Vossnacker Schule heute – von der Kupferdreher Straße aus gesehen.
Foto: Niedworok
Die Autoren Dr. Helmut Grau, Josef Johannes Niedworok und Sven Polkläser, haben Texte aus einer alten Velberter Schulchronik transkribiert veröffentlicht.

Langenberg..  „Am heutigen Tag, dem 23. Dezember 1889, trat die Lehrerin Wilhelmine Tewis, auf Anordnung der Königl. Regierung in den Ruhestand. Ohne Sang und Klang, ohne jegliche Äußerung der Schulgemeinde hat sie ihre 13-jährige Wirksamkeit beschlossen. Und doch ist ihre Tätigkeit von so einschneidend trauriger Bedeutung gewesen, dass ihr wenigstens in der Schulchronik mit einigen Worten gedacht werden muss. Ihre Schulzucht war eine so mangelhafte, dass Schüler sie mit Stocheisen bedrohen durften, andere sie ungestraft ,schwarze Hexe’ nannten und anderes mehr. Sie hat sich doch nicht geschämt, ihren Schülern Stellen aus ihren Liebesbriefen vorzulesen. Liebesverhältnisse mit Seidenwebern, Schreinern, Maurern, Komikern, Steinbrechern etc. waren an der Tagesordnung. Über ihr außeramtliches Leben mag die Chronik schweigen, es war zu haarsträubend. Wolle Gott unserer verwahrlosten II. Klasse bald einen würdigen Lehrer bescheren.“

Heute ist kaum bekannt, dass ein Zölibat Lehrerinnen untersagte zu heiraten; auf eine Missachtung folgte die Kündigung. Lehrerinnen führten ein weitgehend isoliertes Leben, da ihnen der Besuch einer Badeanstalt, eines Cafés oder Theaters oder der freien Natur ohne männliche Begleitung nur bedingt offen stand. Alltagsaktivitäten wurden vom aufmerksamen sozialen Umfeld oft in die Nähe unsittlichen Verhaltens, ja der Prostitution gerückt und konnten zur sozialen Ächtung führen – gerade im Lehrerberuf eine gefährliche Aussicht. Im Mai 1957 wurde die Zölibatsklausel für Lehrerinnen vom Bundesarbeitsgericht aufgehoben.

Krupp bestimmt den Stadtrat mit

Vor allem in der Kaiserzeit waren die Lehrer der kleinen Landschule auch Sittenwächter, wie auch die nachfolgende Anekdote zeigt:

„In der Woche vor Weihnachten wurde unsere Bauernschaft endlich von einem Einwohner befreit, der weit und breit wegen seiner unbezähmbaren ,Originalität’ berühmt ist. Der ,tolle Bredtmann’ wohnte eine Reihe von Jahren auf dem Hoppscheider Berg in einem kleinen Haus, das zu dem Anwesen des im Sommer 1905 flüchtig gewordenen Herrn Middeldorf gehört. Er fuhr ab – oder ließ vielmehr von seinen Kindern abfahren – die Metzgereiabfälle aus Langenberg und düngte damit seine Wiesen. So verpestete er die Luft am Hoppscheider Berg, ganze Scharen von Krähen tummelten sich auf den Wiesen. Dazu stand sein Haus im Ruf einer Spelunke, in welcher die Bauernknechte der Umgegend nicht nur Gelegenheit zum Trinken, sondern auch Verkehr mit einem liderlichen Frauenzimmer finden könnten.“

Vor allem aber versuchte der Lehrer die Landbevölkerung zur Teilnahme an den Wahlen zu ermuntern. Doch bedauerte er, dass von den Flugblättern des Lehrers „nur ein winziger Bruchteil in den Verstand der Empfänger eingedrungen“ sei, da auch die Sozialdemokraten in dem Landbezirk erfolgreich waren. Noch galt das Dreiklassenwahlrecht, welches die Wähler nach ihrer Steuerleistung in drei Abteilungen einstufte. Im benachbarten Essen führte dies zum Beispiel dazu, dass Alfried Krupp ein Drittel aller Mitglieder des Stadtrates bestimmte.

 
 

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