Anekdoten aus einer Velberter Schulchronik

Foto der alten Schule aus den 1950er Jahren. Die AutorenDr. Helmut Grau, Josef Johannes Niedworok und Sven Polkläserhaben im Stadtarchiv eher zufällig eine alte Schulchronik gefunden und ausgewertet.
Foto der alten Schule aus den 1950er Jahren. Die AutorenDr. Helmut Grau, Josef Johannes Niedworok und Sven Polkläserhaben im Stadtarchiv eher zufällig eine alte Schulchronik gefunden und ausgewertet.
Foto: Stadtarchiv Velbert
Drei ehrenamtliche Archäologen aus Velbert – darunter WAZ-Gastautor Josef Niedworok – haben eine handschriftliche Kladde aus der Schule Vossnacken ausgewertet

Langenberg..  „Herr Luhr, Kriegszustand erklärt! Ganz gewaltig ist uns der Schreck in die Glieder gefahren. Das Auto des Polizei-Sergeanten aus Neviges fährt bis zur Schule. Wir kehren um und lesen den Inhalt der Bekanntmachung, die inzwischen angeklebt ist. An der Wilhelmshöhe treffen wir meine Frau und erfahren, dass man in Langenberg die Lebensmittelgeschäfte geradezu bestürmt hat, um sich noch vor Ausbruch des Krieges mit Vorräten zu versorgen. Die .ganz weisen’ Geschäftsleute wollten aber überhaupt kein Papiergeld mehr annehmen.“

Diesen Bericht des Lehrers Luhr vom 1. August 1914 fanden ehrenamtliche Archäologen des LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Stadtarchiv Velbert in einer handgeschriebenen Kladde. Die in Kurrentschrift und Sütterlin verfasste „Chronik der Ev. Schule Vossnacken“ musste mühsam entziffert werden.

Sie beginnt 1789 und eröffnet den Blick in eine zauberhafte Welt am Ende der Bergischen Zeit. Dieser von kleinen Anekdoten der lokalen Originale beherrschte Kosmos zerbrach unter den Ereignissen des Ersten Weltkriegs.

Mit patriotischer Begeisterung werden zunächst die Ereignisse an den fernen Kriegsschauplätzen beschrieben, wie der Zeppelinangriff mit Bomben auf die belgische Festung Lüttich: „An langen Seilen hing tief unten ein metallener Korb, in diesem stand ein Mann. Deutlich sah ich’s, wie er mit beiden Händen einen Gegenstand in die beleuchtete Stelle hinunter warf.“

Doch schon im Frühjahr 1915 erließ der Kreis Mettmann Regelungen zum Brotverkauf. Im Schulbüro wurde eine „Aufnahme der Dauerfleisch- und Kartoffelvorräte durchgeführt. Da nun Steckrüben die Kartoffeln ersetzen mussten, so kann man verstehen, dass viele mit leichtem Gruseln der Steckrüben gedenken. Der Krieg machte sich bei uns auch dadurch bemerkbar, dass man hier viele Rothosen (Franzosen) sieht. Unsere Landwirte beschäftigen die gefangenen Franzosen, meist tüchtige und fleißige Leute. Des Abends werden sie nach der Wirtschaft Nieding gebracht. Dort ist nämlich ein kleines Gefangenenlager eingerichtet worden.“

Bombenangriff auf Essen

Die Schulkinder sammelten Wolle, Gummi, Metalle oder Obst für die Lazarette und „in kürzester Zeit glich unsere Schule einer Obsthandlung“. Aber auch „Brennnesselstängel werden gesammelt, denn durch die englische Blockade herrschte bei uns großer Mangel an Rohstoffen für die Textilindustrie. Die Brennnesselfaser soll vor allem Jute und Baumwolle ersetzen. Nun war man auf den Gedanken gekommen aus dem Laub der Waldbäume ein Pferdefutter herzustellen.“

Der Lehrer berichtet auch von einem Bombenangriff auf Essen und sah „in einiger Höhe die Schrapnelle platzen. Man hörte ein ununterbrochenes Dröhnen und Knallen.“

1918 schließlich, als das Kaiserreich zusammenbrach und von Berlin aus die Revolution das Land ergriff, schweigt die Chronik darüber ganz und lässt uns die Scham und das Entsetzen über die völlige Niederlage nachfühlen. „Als in Folge der Revolution die gewaltigen Truppenmassen auf allen möglichen Straßen zurückfluteten und die Witterung sehr schlecht war, so gingen sie hier oben in die Quartiere. Auch im Schulhaus lagen Soldaten“

 
 

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