Nicht nur die schöne Lyrik sehen, sondern auch die Schattenseiten

Foto: WP
In einem Interview mit unserer Zeitung macht sich Peter Bürger, engagierter Heimatforscher aus Düsseldorf, für die Umbennung von Straßennamen stark.

Sundern/Düsseldorf..  Mit dem Thema Umbenennungen von Straßennamen hat sich der Schul-, Sport- und Kulturausschuss schon Anfang des Jahres beschäftigt. Inzwischen hat der Düsseldorfer Publizist Peter Bürger auf der Generalversammlung des Heimatbundes in Westenfeld zu diesem Thema ein umfassendes Referat gehalten. Am Dienstag ist das Thema abermals Gegenstand in der SSK-Sitzung (28. Mai, 17.30 Uhr). WP-Redakteur Matthias Schäfer sprach mit ihm über seine Intentionen.


Wie sind Sie an das Thema gekommen?
Ich beschäftige mich seit 27 Jahren mit sauerländischer Regionalforschung. Was ich in den Archiven entdeckt habe, war oft eine braune Sauce, vor allem was die Heimatdichtung betrifft. Mein Credo ist dabei, dass wir einerseits die schöne Lyrik vermitteln müssen, wie etwa bei Christine Koch, aber auch die Schattenseite.


In welcher Form?
Zum Beispiel habe ich in einem Dossier sämtliche fragwürdige Dichtungen von Christine Koch - wie das seit 1990 bekannte Gedicht zur Schuleinweihung in Stockum - dokumentiert. Allerdings gehörte Christine Koch nie der NSDAP an. Auch das Führer-Lob hörte nach 1936 auf. Und, ganz wichtig für mich, sie hat nie einen Hauch von Antisemitismus gezeigt und sich für das Menschenrecht von Minderheiten stark gemacht.


Kommen wir auf die drei Sunderner Straßen. Was ist mit Georg Nellius?
Schon vor 1933 war er Kopf der rechten Republikfeinde im Heimatbund. Seine glühenden Hitler-Hymnen habe ich für die Kommunalpolitiker und – öffentlich zugänglich – für die Stadtbibliothek in Sundern kopiert. Seine plattdeutsche Messe bleibt eine Pioniertat. Aber das ist kein Argument, dieses NSDAP-Mitglied mit hochkarätiger NS-Kulturfunktion heute noch auf einem Straßenschild zu zeigen.


Was ist mit Karl Wagenfeld?
Dieser Dichter hat den Nazis Brücken in die katholische Heimatwelt Westfalens gebaut. Er war schon vor 1933 nationalistischer Kriegshetzer und Rassist. Er rückte Juden in die Nähe Satans und sympathisierte mit der Vorstellung von „minderwertigem Leben“. Nach Hitlers Machtantritt war er über Nacht NSDAP-Mann. Das Dritte Reich galt ihm als Erfüllung seiner Lebensträume. Viele Kommunen haben ja schon die Konsequenzen daraus gezogen und Straßen umbenannt.


Wie stehen sie zu Maria Kahle?
Diese völkische Pseudokatholikin predigte schon bald nach 1920 Judenhass und fanatische Hitlerverehrung. Sie war führende Kriegspropagandistin der Nazis und geistige Mittäterin der Verbrechen im Ostfeldzug. Der Fall kann eindeutiger nicht sein. Eine Kahle-Straße ist eine Schande für jeden Ort.


Woher kommt es, dass wir überhaupt über dieses Thema reden müssen?
Die Nazis haben seinerzeit gezielte Kulturpolitik im Sauerland betrieben und ihre Leute dabei forciert. Nach 1945 wurde vieles verdrängt. Später ist man der NS-Propaganda um die Heimatdichter bei den Straßenbenennungen erneut aufgesessen. Eine kritische Hinterfragung ihrer Werke gibt es erst seit 25 Jahren.


Wo liegen Ihre Motive?
Sie sind religiöser, historischer und lokalpatriotischer Natur. Es gab im Sauerland Vorbilder, die sich mutig gegen die Nazis gestellt haben, wie etwa Dr. Rudolf Gunst (1883 - 1963), Aktivist der kath. Friedensbewegung aus Neheim, oder der Hellefelder Pfarrer Dr. Albert Fritsch, der von der Kanzel gegen Rosenbergs NS-Mythos gepredigt hat, danach in die Niederlande fliehen musste und nie ins Sauerland zurück kam. Lokalpatrioten sollten diese Leute ehren, nicht die Hitler-Gehilfen. Hindenburg hat im Sauerland 1925 nur lächerlich wenige Stimmen bekommen. An diese demokratische Tradition sollte man erinnern. Maßgeblich ist der Blick auf die Opfer des Nationalsozialismus, auf 70 Mio. Tote. Nur das sollte die Kommunalpolitiker bei ihren Entscheidungen zum Thema leiten.


 
 

EURE FAVORITEN

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Beschreibung anzeigen