Von Wurzeln, in Korea und Haßlinghausen

Miriam Venn war als Tanzlehrerin auf der Veranstaltung „Salsa & Kizomba Social“ im Schwelmebad dabei.Foto:Haumann
Miriam Venn war als Tanzlehrerin auf der Veranstaltung „Salsa & Kizomba Social“ im Schwelmebad dabei.Foto:Haumann
Foto: Bastian Haumann
Miriam Venn kam mit sechs Monaten nach Sprockhövel. Kinder nannten sie damals „Schlitzauge“. Extreme Anfeindung oder Ausgrenzung hat die 31-Jährige aber nie erlebt.

Sprockhövel..  Miriam Venn ist eine waschechte Haßlinghauserin – auf den zweiten Blick. Doch manchmal fallen Bemerkungen wie: „Sie sprechen aber gut Deutsch“. Heute nimmt die 31-Jährige das nicht mehr allzu ernst. „Nur wird mir in solchen Momenten wieder klar, dass ich fremd wirke, gerade auf ältere Menschen.“ Doch fremd fühlen? Auf keinen Fall. Schließlich ist das Umfeld prägend, in dem jemand aufwächst. Und aufgewachsen ist sie hier, in Sprockhövel, nicht in Korea – wenn auch dort ihre Wurzeln liegen.

Sie kam in Busan als Tochter eines einfachen Kaufmanns und einer Hausfrau zur Welt. Nach Seoul ist dies die zweitgrößte Stadt Südkoreas. Ihre leiblichen Eltern gaben sie direkt zur Adoption frei. „Sie entschieden sich bewusst dazu“, sagt sie. Denn das Korea von damals ist nicht mit dem von heute zu vergleichen. Bildungs- oder Karrierechancen für Frauen? Das habe es da noch nicht gegeben. „Hätte ich dort mein Leben verbracht, wäre ich wohl auch Hausfrau geworden.“

Als sie sechs Monate alt war, kam Miriam Venn nach Deutschland. Sie kennt eigentlich kein anderes Zuhause als Sprockhövel. Doch für manche war sie: Ausländerin. Schon auf dem Schulhof gab es die typischen Hänseleien. „Schlitz­auge“, riefen die Kinder ihr zu. Dabei zogen sie mit den Fingern ihre Augenform nach. Sie habe das meistens ignoriert, fand es richtig dumm.

Nicht alles ging spurlos an ihr vorüber. „Ich war als Kind wohl sehr gerne in Holland.“ Dort werde sie nicht immer angestarrt, soll sie mal gesagt haben.

Stark machen für Mitmenschen

Auch ihre Mutter erlebte die eine oder andere unbedachte Äußerung. Miriam Venn erinnert sich da an eine Geschichte, die sie ihr erzählte. „Ich muss erst wenige Tage in Deutschland gewesen sein, als meine Mutter mit mir im Kinderwagen die Mittelstraße entlang spazierte.“ Eine Dame schaute in den Wagen, erblickte die Mini-Koreanerin und sagte: „Was für eine Aufgabe.“

Die Bemerkung versteht Miriam Venn bis heute nicht. „Als machte es einen Unterschied, ob jemand sein eigenes oder ein fremdes Kind aufzieht.“ Extreme Anfeindung oder Ausgrenzung erfuhr sie dagegen nie.

Da habe sie wohl Glück gehabt. „Asiaten gelten als fleißig und intelligent, zurückhaltend und ruhig – das sind eben diese Stereotype.“ Nun ist die junge Frau eher das Gegenteil von ruhig und zurückhaltend. Daher habe es sie auch nicht gewundert, als sie mal zu hören bekam: „Für eine Asiatin bist du aber ziemlich vorlaut.“

Mittlerweile setzt sich Miriam Venn für die Flüchtlinge in der Stadt ein. Ihre eigene Herkunft habe damit eher weniger zu tun. Sie habe sich schon immer für ihre Mitmenschen stark gemacht. „Vielleicht ist es aber so, dass ausländische Mitbürger schneller Vertrauen zu mir aufbauen, weil sie sich mit mir identifizieren können über die Fremdheits­erfahrung.“

Sie unterrichtet Deutsch

Miriam Venn unterrichtet Deutsch - Sprache ist für sie der Schlüssel für die gesellschaftliche Teilhabe. Sie plant einen Tanzkurs für Asylbewerber und Flüchtlinge und hat noch viele andere Ideen. „Flüchtlingen zu helfen sollte eine Selbstverständlichkeit sein.“ Und das Helfen an sich ist für sie eine Frage der Menschlichkeit und der Empathie, nicht der Hautfarbe.

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