Zweierlei Hilfsfristen im Stadtgebiet

Vom Ausrücken bis zum Eintreffen am Einsatzort brauchen die Oberhausener Rettungswagen insbesondere in den Außenbezirken öfter länger als die vorgegeben acht Minuten.
Vom Ausrücken bis zum Eintreffen am Einsatzort brauchen die Oberhausener Rettungswagen insbesondere in den Außenbezirken öfter länger als die vorgegeben acht Minuten.
Foto: NRZ
An den Rändern Oberhausens kann der Rettungsdienst die Acht-Minuten-Hilfsfrist nicht einhalten. Dort gilt die Zwölf-Minuten-Hilfsfrist. Nur steht davon nichts im Bedarfsplan.

Oberhausen.. Wer in Biefang, Holten, Barmingholten, Königshardt, Borbeck oder in Alstaden in eine Notlage gerät, muss häufig länger auf Hilfe warten als in zentraler gelegenen Ortsteilen Oberhausens. Das hat diese Zeitung schon Ende 2014 berichtet. Damals segnete der Rat der Stadt den neuen Rettungsdienstbedarfsplan ab. Und der sieht genau das so vor.

Dabei sind andere Städte bemüht, auch in ihren Randgebieten schnelle Hilfe sicherzustellen. Warum das in Oberhausen nicht geht, erklären Gerd Ausch­rat, der Vize-Feuer­wehrchef, und der zuständige Beigeordnete Frank Motschull.

In neun von zehn Fällen sollen die Helfer mit dem Rettungswagen (RTW) acht Minuten nach ihrer Alarmierung am Ziel sein. So formuliert es der Bedarfsplan. Er kalkuliert dabei ein, dass diese so genannte Hilfsfrist in den Randlagen der Stadt nur in etwa der Hälfte der Fälle eingehalten wird.

Gerd Auschrat belegt das für Borbeck mit Zahlen. Im Januar 2015 konnte von 34 Notfalleinsätzen nur die Hälfte in der Hilfsfrist erreicht werden.

Neue Dreiteilung der Stadt

Und dann präsentiert er eine Dreiteilung des Stadtgebietes, die es so im aktuellen Bedarfsplan nicht gibt. Denn darin ist die Stadt nur in zwei Einsatzbereiche eingeteilt, je einen nördlich und südlich des Rhein-Herne-Kanals. Im Norden ist die Feuerwache Sterkrade der Standort der RTW, im Süden die Hauptfeuerwache Brücktorstraße. Auf beiden Wachen stehen vier RTW. Dadurch gelingt es planerisch, die Einhaltung der Hilfsfrist von 88 auf 90 Prozent zu steigern.

Jetzt aber verweist Auschrat auf eine Dreiteilung der Stadt. Danach stellt der äußerste Oberhausener Norden jenseits des Bogens aus den Autobahnen A 3/A 2 einen dritten Einsatzbereich dar, in dem es aber keine Wache gibt. Dort gebe es im Jahr weniger als 60 Notfälle je 1000 Einwohner, sagt er. 2014 waren es dort nur 48 Notfälle je 1000 Einwohner. Dafür aber sehe das Land NRW eine Zwölf-Minuten-Frist vor. Und die wird eingehalten.

Auschrat verweist auf den mit den Krankenkassen abgestimmten Kostenrahmen. „Er ermöglicht es, an beiden Wachen je ei­nen RTW zusätzlich zu besetzen. Damit können wir im Stadt-Durchschnitt die Acht-Minuten-Frist in 90 Prozent der Fälle einhalten“, sagt er.

Eine dezentrale Stationierung die­ses vierten RTW hätte nicht nur diesen Kostenrahmen gesprengt, sagt der Feuerwehr-Vize. „Sie hätte auch die Versorgung der Kernbereiche mit dem höchsten Einsatzaufkommen gefährdet.“

Frank Motschull erinnert an ei­ne alte Grundsatzentscheidung des Rates. „Danach soll der Rettungsdienst komplett bei der Berufsfeuerwehr bleiben.“ In den meisten Nachbarstädten fahren die Hilfsorganisationen im Rettungsdienst mit, besetzen meist kleine, dezentrale Wachen, so in Duisburg und Düsseldorf.

Dreiteilung des Stadtgebiets und Hilfsfrist sind dem Kostenträger neu

Bei den Krankenkassen will man die Aussage der Stadtverwaltung so nicht stehen lassen, eine Versorgung der städtischen Randgebiete hätten den mit ihnen abgestimmten Kostenrahmen gesprengt. Federführend ist dabei die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK).

„Nicht ein Budget stand damals bei den Gesprächen zur Verhandlung, sondern eine Bedarfsplanung zur Versorgung der Bevölkerung“, sagt Guido Göke, der zuständige Fachreferent bei der AOK im Regierungsbezirk Düsseldorf. Die von der Feuerwehr Oberhausen vorgelegte Bedarfsplanung schien plausibel zu sein, da sie die landesweite Vorgabe einer 90-Prozent-Erfüllung der Acht-Minuten-Frist ja gewährleistete. Göke weiter: „Dazu war eine Gebührenanhebung nötig, über die am Ende Einvernehmen erzielt wurde.“

Wie die Stadt diesen Bedarf ermittelt und nachher deckt, liege ganz bei ihr und bei der politischen Entscheidung des Rates, ob damit ausschließlich die Feuerwehr oder auch Hilfsorganisationen beauftragt werden, ergänzt AOK-Regionaldirektor Thomas Meertz.

Bei der AOK ist man irritiert, dass die Feuerwehr neuerdings mit einer Dreiteilung des Stadtgebiets argumentiert. „Grundlage der Verhandlungen war eine Teilung in zwei Einsatzbereiche“, sagt Guido Göke. Die Versorgung der Randbereiche sei dabei nicht Thema gewesen. Wohl sei aber bewusst gewesen, dass es ja eine interkommunale Zusammenarbeit und die Möglichkeit gibt, auch den Rettungshubschrauber einzusetzen.

Planung kann geändert werden

Die Krankenkassen stünden bei ei­ner kurzfristigen Änderung der Bedarfsplanung zu Gesprächen zur Verfügung, betont Thomas Meertz. Auch sie hätten das Ziel einer bestmöglichen Versorgung der Bevölkerung unter qualitativen Gesichtspunkten. Dabei sei die Einhaltung der Hilfsfrist aber nur ein wichtiger Indikator. „Wenn ein höherer Bedarf vorhanden ist, wird er erfüllt“, so Thomas Meertz. Aber er müsse nachgewiesen werden.

Beigeordneter kündigt Überprüfung der Situation an

Beigeordneter Frank Motschull stellt schon bald ei­ne Überprüfung der aktuellen Situation in Aussicht. Denn der im November verabschiedete Rettungsdienstbedarfsplan berücksichtigt noch nicht die neue dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter. Allein dafür müssten die Rettungsdienstgebühren aber neu kalkuliert werden, sagt er.

„Dabei werden wir auch eine Beschleunigung des Rettungsdienstes prüfen“, erklärt Vize-Feuerwehrchef Gerd Auschrat. So könnten die Autobahnen als reguläre Anfahrtswege einkalkuliert werden.

Das spare ebenso Zeit wie ab 2018 die Satelliten-Navigation. Sie entscheide dann, welcher Rettungswagen am schnellsten am Einsatzort ist. Schließlich könnten sich auch noch neue Gegebenheiten wie zwei Altenheime in Borbeck und Holten auf die Notfallrate auswirken. In diesem Zusammenhang könne dann auch über die dezentrale Stationierung von Rettungswagen diskutiert werden.

 
 

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