„Wir brauchen einen Fonds für arme Regionen“

Frank Helling
Ulrich Schneider besucht von Zeit zu Zeit seine Geburtsstadt Oberhausen.
Ulrich Schneider besucht von Zeit zu Zeit seine Geburtsstadt Oberhausen.
Foto: Funke Foto Services
Ulrich Schneider ist Geschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Die Innenstadt betrachtet der gebürtige Oberhausener mit Sorge.

Oberhausen. Er sieht jünger aus als im Fernsehen, was wohl auch an der Kleidung liegt. Statt Anzug und Krawatte trägt Ulrich Schneider Jeans, T-Shirt, Lederjacke. „Ich hab mir noch schnell ‘ne Frikadelle bei Evers geholt“, sagt er bei der Begrüßung. Fürs Foto-Shooting auf dem Saporoshje-Platz stellt er die Reisetasche kurz beiseite. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist mal wieder in Oberhausen. Hier wurde er 1958 geboren. Seither hat sich viel verändert. „Als ich mal längere Zeit nicht da war, war ich schon geschockt“, sagt Ulrich Schneider.

In seiner Kinder- und Jugendzeit war die Marktstraße noch prächtig, erinnert sich der 57-Jährige. „Da spielte sich das Leben ab, das war das Zentrum der Stadt. Mit der neuen Mitte hörte es schlagartig auf. Jetzt gibt es viele Ein-Euro-Läden und Spielhallen. Der Kaufhof hat geschlossen, die Traditionsgaststätten sind verschwunden. Alles weg. Man hatte wohl kein Konzept, wie man die Marktstraße erhalten kann.“ Die habe man sich einfach selbst überlassen. „Immerhin gibt es das Gdanska.“

Sohn eines Bierfahrers

Das Ruhrgebiet, Bremen und Berlin – es sind Regionen, um die man sich sorgen müsse, um die sich die Berliner Politik zu kümmern habe, fordert er. „Sinkende Steuereinnahmen, steigende Armut. Die Spirale geht immer weiter nach unten. Alleine können es bestimmte Regionen einfach nicht mehr schaffen. Für die brauchen wir einen Solidaritätsfonds.“ Ein Satz, den er schon in vielen Polittalk-Sendungen gesagt hat, zu denen er regelmäßig eingeladen wird.

Lobbyist der Armen nennt die FAZ Ulrich Schneider. Eine Bezeichnung, gegen die er nichts einzuwenden haben dürfte. Armut und Ungerechtigkeit kann der Sohn eines Bierfahrers nicht vertragen. „Es geht mir an die Nieren, wenn es Menschen dreckig geht.“

Es waren einfache Verhältnisse, in denen er in den 1960ern an der Styrumer Straße aufwuchs. „Da hatte keiner Geld. Aber arm waren wir nicht, denn wir blickten mit Optimismus in die Zukunft. Das fehlt heute. Und Hartz IV ist kein Sprungbrett. Armut wird vererbt“, meint der promovierte Erziehungswissenschaftler.

Schneider fordert Wertewandel

Gibt es Konzepte, was zu tun wäre? „Konzepte? Die haben wir ohne Ende, die Schubladen sind voll davon. Nur ein einziges Beispiel: Jeder weiß, dass wir öffentlich geförderte Beschäftigung brauchen. Aber das kostet viel Geld. Milliarden von Euro.“ Woher die kommen sollen? „Wir brauchen eine gerechte Steuerreform.“ Eine andere Erbschaftssteuer, die Einführung einer Vermögenssteuer, ein höherer Spitzensteuersatz lauten seine Stichworte. Das bedeutet Umverteilung, oder? „Anders kann man Armut aber nicht bekämpfen.“

Schneider fordert einen Wertewandel. „Wir brauchen Großzügigkeit gegenüber denen, die es nötig haben. Uns täte Großzügigkeit gut – im Denken und im Handeln.“ 1989 habe das ökonomische Denken seinen Durchmarsch durch alle Bereiche begonnen, alles sei mittlerweile durchökonomisiert. „Alten- und Krankenpflege im 15-Minuten-Takt, um ein Beispiel zu nennen. Da ist nichts mehr zu verdichten.“ Das Mensch-Sein müsse wieder in den Mittelpunkt rücken. Der ehemalige Pfadfinder spricht von Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit. Das Wort Humankapital behagt ihm überhaupt nicht.

Hat er denn Hoffnung, dass sich etwas in seinem Sinne ändert? „Das Vertrauen in die Marktideologie zerbröselt.“ Die Bankenkrise habe das mitbewirkt. Immer mehr Menschen zweifelten die Hohe Priesterschaft der Marktideologie an. „So gesehen bin ich optimistisch.“