Wie eine 18-Jährige zur Prostituierten wurde

Im Rotlichtviertel an der Vulkanstraße in Duisburg arbeitet auch Christa H.s Tochter.
Im Rotlichtviertel an der Vulkanstraße in Duisburg arbeitet auch Christa H.s Tochter.
Foto: WAZ
Eine Mutter erzählt, wie ihre 18-jährige Tochter in die Prostitution abrutschte. Die Geschichte über vorgegaukelte Liebe eines "Loverboys", angebliche Schulden, Bedrängung, Drogen und Veränderungen der Persönlichkeit hört sich an wie ein Klischee - "aber genau so läuft es ab", sagt eine Experin.

Oberhausen. Christa H. hat ihr Kind verloren, weil das Mädchen 18 Jahre alt ist, weil es vorgibt, freiwillig zu tun, was es tut. Die 18-Jährige prostituiert sich in einem Bordell. Als Christa H. jetzt die Geschichten der WAZ-Lokalredaktion las über Bordelle, Prostituierte, aber auch über Rockerbanden, deren Mitglieder Häuser an der Flaßhofstraße in Oberhausen oder auch im Rotlichtbezirk in Duisburg betreiben, wollte die Frau nicht mehr schweigen. Sie erzählt die Geschichte ihrer verlorenen Tochter.

Die hört sich an wie das reinste Klischee. „Aber genauso läuft es ab“, bestätigt eine Mitarbeiterin der Organisation Solwodi, die sich um Prostituierte kümmert. Und so lief Christa H’s Tochter in ihr Unglück: Die Schülerin lernt einen jungen türkischen Mann kennen. Er gaukelt ihr Liebe vor. Das Mädchen verliebt sich. Der Mann sagt: „Ich habe Schulden, ich brauche Geld, sonst muss ich ins Gefängnis.“ Er drängt die junge Frau, für ihn anschaffen zu gehen. Sie schmeißt die Schule. Wird, wie die Mutter erzählt, von zwei Männern aus dem Milieu begleitet, als sie sich an der Schule abmeldet. Die 18-Jährige landet in einem Laufhaus in Duisburg.

Abhängig gemacht

„Was die Mutter schildert, sind Dinge, die einer jungen Frau passieren können“, sagt Ramon van der Maat, Sprecher der Duisburger Polizei. Der Mann habe die Frau abhängig gemacht. „Gegen so etwas kann man nur mit einer entsprechenden Erziehung vorbeugen“, erklärt van der Maat. Denn sei eine Frau 18 und erkläre, freiwillig auf den Strich zu gehen, fehlt der Polizei jede ordnungspolitische Handhabe. Prostitution ist seit neun Jahren in Deutschland legal.

Für Christa H’s Tochter wird die gut gemeinte Legalisierung des ältesten Gewerbes der Welt zur bösen Falle. „Das Mädchen ist dieser Wirklichkeit schutzlos ausgeliefert“, sagt auch die Solwodi-Mitarbeiterin. Die Mutter selbst erkennt ihr Kind nicht wieder. „Sie erzählt mir kaum noch etwas, sie wirkt wie ferngesteuert, wie ein Automat, emotionslos, lacht nicht, weint nicht“, sagt sie über die erste Zeit der 18-Jährigen im Bordell. Die Frau vermutet: „Man hat ihr Drogen gegeben.“

„Das ist das typische Vorgehen der Loverboys“, bestätigt die Solwodi-Mitarbeiterin. Habe die erste Stufe der Beziehungsabhängigkeit gegriffen, würden die Frauen unter Drogen gesetzt, um sie in der Abhängigkeit zu halten.

Neugierde auf das Leben

Die Mutter erzählt weiter: „Ein bisschen Neugierde auf dieses andere Leben ist bei meiner Tochter schon dabei gewesen.“ Und auch die Aussicht, viel Geld zu verdienen, lockt.

Doch der Traum von Liebe, vom schnell verdienten Geld, vom Schwelgen in Luxusartikeln platzt rasch.

Die Realität wie Christa H. sie schildert: „Schläge vom Zuhälter, so gesetzt, dass die blauen Flecken den Freiern nicht auffallen. Drohungen, der Familie des Mädchens etwas anzutun. 15 Stunden Arbeit am Tag. Sechs Tage die Woche, in einem Zimmer, für das die Miete pro Tag 120 Euro kostet.“ „Ich habe mal mit meiner Tochter ausgerechnet, wie hoch ihr Stundenlohn ist“, sagt die Mutter. „Fünf Euro blieben ihr nach Abzug der Miete und des Geldes für ihren Zuhälter.“

Die 18-Jährige wird zum Eigentum des Mannes, der den unteren Chargen einer Organisation angehört, „die sich hochdienen können, wenn sie Prostituierte heranschaffen“, erzählt Christa H. Und: „Man hat ihr den Stempel des Mannes auf den Hals tätowiert.“

Brandzeichen für die Frau

Die Solwodi-Mitarbeiterin sagt: „Es ist üblich, dass die Frauen ein Branding bekommen.“ Als Zeichen, dass sie dem Mann gehören. Aber auch für die Frauen sei es ein Bekenntnis: „Ich gehöre zu ihm.“

Christa H’s Tochter will nach kurzer Zeit nicht mehr zu diesem Mann gehören. Sie will raus aus dem Milieu. Sie bricht aus. Geht sogar wieder zur Schule. „Aber sie stand unter irgendeinem fürchterlichen Druck“, sagt die Mutter. Sie schaffte es nicht, die Tochter zu überreden, ihre Handy-Nummer zu ändern. Der Besuch einer Beratungsstelle für Prostituierte und das Angebot einer Psychotherapie, all das hilft nicht. Das Mädchen rutscht erneut ins Milieu ab.

„Das passiert fast allen Frauen“, sagt die Solwodi-Mitarbeiterin. Viele starteten fünf bis sechs Versuche.

Und was bedeutet das für Christa H’s Tochter? Die Mutter weiß es nicht. „Der Kontakt zu meiner Tochter ist abgebrochen“, sagt sie. Sie hat ihr Kind verloren.

  • Selbsthilfegruppe
    In Deutschland hat sich eine Elterninitiative für Loverboy-Opfer gegründet, kurz „Eilod“ genannt, die auch eine eigene Homepage hat. Betroffene Eltern können Kontakt aufnehmen unter Angehörigen-Selbsthilfegruppe „Eilod“, Elterninitiative für Loverboy Opfer Deutschland, c/o Gesundheitsamt - Selbsthilfe-Service-Büro, Kölner Straße 180, 40227 Düsseldorf : 0211 - 899 22 44, info@eilod.de, Eilod.de-Notfallnummer: 0176 - 562 699 71.

 
 

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