Wie das Kleinklein im Revier eine Straßenbahnlinie blockiert

Die Essener Straßenbahnlinie 105 muss bisher noch an der Stadtgrenze zu Oberhausen umkehren.
Die Essener Straßenbahnlinie 105 muss bisher noch an der Stadtgrenze zu Oberhausen umkehren.
Foto: Gerd Wallhorn/Funke Foto Services
Seit 15 Jahren wird eine segensreiche Straßenbahnverbindung zwischen Essens Nordwesten und Oberhausen geplant. Nun droht sie endgültig zu scheitern.

Oberhausen. Politiker und Manager zwischen Dortmund und Duisburg vergleichen das Ruhrgebiet gerne mit den Metropolen der Welt. Doch nirgendwo klaffen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander wie bei der Qualität des öffentlichen Nahverkehrs in der Fünf-Millionen-Einwohner-Region.

Über die Hälfte aller Berufstätigen pendelt, die große Mehrheit nutzt aber im Gegensatz zu Pendlern in Weltstädten das Auto – zum Schaden der Umwelt, der Straßen und der Nerven. Den öffentlichen Revier-Nahverkehr stuft nicht nur Lothar Ebbers vom Fahrgastverband Pro Bahn als Metropolen-untauglich ein: „Die Region leidet besonders unter den geringen Verbindungen über Stadtgrenzen hinweg.“

Jetzt haben die Nachbarstädte Oberhausen und Essen eine einzigartige Chance, die die Oberhausener Politik zu verdaddeln droht: Für 80 Millionen kann endlich ein fürs West-Ruhrgebiet wichtiger 3,3 Kilometer langer Lückenschluss der Straßenbahn 105 vom Essener Nordwesten zum beliebten Oberhausener Einkaufszentrum Centro gebaut werden – bezuschusst mit 66 Millionen Euro von Bund und Land.

Unsichtbare Mauer zwischen Essen und Oberhausen

Doch der Oberhausener Rat zaudert: Aus Angst vor Kritikern, die die Bahn schon jetzt zu teuer finden und hohe Kostenrisiken befürchten, will er mit Zwei-Drittel-Mehrheit einen Bürgerentscheid ins Leben rufen. Das bringt das Projekt nach Erfahrungen aus anderen Städten in akute Gefahr.

Dabei verläuft zwischen den beiden Städten seit Jahrzehnten eine unsichtbare Mauer: Wollen die 100 000 Einwohner im Essener Nordwesten zum Oberhausener Centro, zum Arena-Konzert, zur Gasometer-Bilderschau oder zum Musical „Sister Act“ vordringen, wirft sie der Essener Straßenbahnfahrer an der Stadtgrenze Oberhausen heraus.

Acht Kilometer, 36 Minuten

Da warten sie auf einen hin und wieder pünktlichen Bus, der auf Umwegen zum Centro gurkelt und der dort die Fahrgäste zu einem längeren Fußmarsch Richtung Gasometer entlässt. Dauer von Essen-Borbeck zum Kunstgenuss: 36 Minuten für acht Kilometer. Langsamkeit: 13 Stundenkilometer. Da kann man fast zu Fuß gehen.

Kommt die neue Strecke, könnte man von Essen-Borbeck statt in 36 Minuten schon in 19 Minuten zum Gasometer sausen. Zur Fronleichnamskirmes in Sterkrade käme man zehn Minuten schneller als jetzt. Studenten könnten in günstigeren Oberhausener Appartements wohnen und ihre Uni in Essen/Duisburg zügig erreichen.

Planung läuft seit 15 Jahren

Seit 15 Jahren planen Beamte von Land und Stadt deshalb schon einen aufwändigen, auf Betonpfählen über Straßen und Gleise verlaufenden Lückenschluss, um die durchgehende Straßenbahnverbindung zwischen Essen-Hauptbahnhof – Borbeck – Frintrop – Centro – Oberhausen-Hauptbahnhof/Sterkrade zu schaffen. Bund und Land wollen die Linie mit 82 Prozent der Baukosten bedenken, weil nach Gutachten der volkswirtschaftliche Nutzen doppelt so hoch ist wie die Kosten.

Über 8000 zusätzliche Fahrgäste würde danach die neue Linie täglich locken. Die Trasse wäre wohl schon längst gebaut, würde eine von NRW als regional wichtig eingestufte Strecke logischerweise auch regional von allen bezahlt.

Politische Mehrheit traut sich nicht

Weil aber im Ruhrgebiets-Kleinklein das lokale Nahverkehrsunternehmen Stoag für die Strecke in Oberhausen einmalig 13 Millionen Euro und dauerhaft 400.000 Euro höhere Betriebskosten im Jahr schultern muss, traut sich die Oberhausener Mehrheit von SPD, Grünen und FDP bisher nicht, das Bahnprojekt durchzuwinken. Die CDU-Opposition wiederum ist zwar für den Lückenschluss, schlägt aber eine billigere Alternativstrecke vor, die allerdings weniger Areale verbindet und unkomfortabler für Fahrgäste ist.

165.000 Oberhausener sollen im März über den Lückenschluss befinden. Dabei wissen alle Akteure, dass es um mehr geht. Ein Nein bedeutet einen bundesweiten Imageschaden fürs Revier: Wenn man nicht einmal ein 66-Millionen-Euro-Geschenk investieren kann – was schafft die Region dann überhaupt noch?

 
 

EURE FAVORITEN