Viele Frauen wollen aus Prostitution aussteigen

100 bis 150 Prostituierte arbeiten laut dem Sozialprojekt Lijla täglich an der Flaßhofstraße in Oberhausen. Foto: Özcan
100 bis 150 Prostituierte arbeiten laut dem Sozialprojekt Lijla täglich an der Flaßhofstraße in Oberhausen. Foto: Özcan
Nach Behauptungen des Sozialprojektes "Lilja", das von der Aktion Mensch mitfinanziert wird, gibt es mehr Zwangsprostitution als gemeinhin angenommen. Viele Frauen sagten aus Angst nicht bei der Polizei aus. Ein Besuch in Oberhausens Rotlicht-Bezirk.

Oberhausen. Es ist ein düsteres, schreckliches Bild, das die Sozialarbeiterin vom Solwodi-Projekt „Lilja“ von den Schicksalen der Prostituierten an der Flaßhofstraße zeichnet. Zwangsprostituion scheint, so die 33-Jährige, die ihren Namen aus Sicherheitsgründen lieber nicht nennt, eher die Regel denn die Ausnahme zu sein. „Nur weil die Frauen aus Angst nicht aussagen, kann die Polizei sagen, dass es kaum Zwangsprostituierte gibt“, sagt die „Lilja“-Mitarbeiterin.

Die 33-Jährige, selber Rumänin, und eine bulgarische Kollegin kümmern sich seit 2009 um die Frauen, die sich in den Häusern an der Flaßhofstraße prostituieren. „Lilja“ heißt das Projekt der Hilfsorganisation. Die Mitarbeiterinnen von „Lilja“ sind oft der einzige Kontakt zur Welt jenseits des Bordellbetriebes, den die meist sehr jungen Frauen, die dort arbeiten, haben. „Lilja“ jedoch, zu 70 Prozent finanziert von der Aktion Mensch und zu 30 Prozent von Solwodi, läuft im März 2012 aus. „Wenn wir weg sind, sind die Frauen allein“, sagt die Sozialarbeiterin, als sie ihr Projekt Oberhausener Politikern noch einmal vorstellt.

Schöner Schein der Fassade

Allein. Was heißt das? Die Sozialarbeiterin schildert den schönen Schein, die Fassade. „Die Frauen stehen im Fenster, mit einem tollen Make-Up, ein Lächeln im Gesicht.“ Alles scheint in Ordnung. Doch blickt man hinter die Kulissen, entdeckt man blutjunge Mädchen, gerade mal 18, die ihre Eltern verloren haben. Ältere Frauen, die im Heimatland arbeitslos geworden sind, ohne Perspektive auf einen neuen Job. Frauen, die, sehr jung, sehr naiv, denken, ich komme da schon wieder raus. Solche, deren Lebensgefährte ihnen erklärte: „Schatz, es geht nicht mehr, du musst mir helfen und das ist die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen.“ Frauen, die kein Wort Deutsch sprechen, keinerlei sozialen Kontakte haben.

Die 33-Jährige nennt Zahlen. 100 bis 150 arbeiten täglich an der Flaßhofstraße. Die Miete für ein Zimmer kostet 100 bis 130 Euro. Die Preise für die Dienstleistungen der Prostituierten sind gesunken. Im Oktober 2010 lagen sie noch bei 30 bis 50 Euro, jetzt bei 20.

Höchsten zehn Prozent der Frauen ohne Zuhälter

Im Fenster eines Hauses fordert ein Schild noch: „In diesem Haus darf Geschlechtsverkehr nur mit Kondom ausgeführt werden.“ „Das stimmt schon lange nicht mehr“, sagt die Sozialarbeiterin. Männer wollten es ohne, die Frauen stünden unter dem Druck, zu verdienen. Die Zuhälter wollten Geld sehen. Und sie schätzt, höchsten zehn Prozent der Frauen haben keinen Zuhälter. „Und die betreiben Armutsprostitution, sie schicken alles Geld nach Hause“, sagt Helga Tauch, Leiterin von Solwodi NRW.

Und wo ist das Zuhause der Frauen? Allein 80 Prozent kommen aus Rumänien und Bulgarien. Zurzeit gehören 60 Prozent der Roma-Minderheit an. Seit die beiden Länder zur EU gehören, dürfen die Frauen einreisen, dürfen freiberuflich arbeiten. Und sind gewissermaßen vogelfrei. „Die meisten sind nicht krankenversichert“, sagt die Sozialarbeiterin. Über Geschlechtskrankheiten sind viele gar nicht informiert. Und in der Öffentlichkeit ist es nicht bekannt, dass es den sogenannten Bockschein nicht mehr gibt, die Frauen nicht mehr regelmäßig untersucht werden.

„Hilfsprogramme laufen nur gut für Frauen, die aussagen“

80 Prozent der Prostituierten haben den Wunsch auszusteigen. Hilfen für sie gibt es jedoch nicht. Denn Prostitution ist in Deutschland - anders als in Schweden - legal. „Hilfsprogramme laufen nur gut für Frauen, die aussagen“, sagt die 33-Jährige. Und das macht eben kaum eine.

Was kann Lilja dann noch tun? Die Sozialarbeiterinnen sind wöchentlich an der Flaßhofstraße. Sie erreichen jährlich über 300 Frauen. Sie beraten die Frauen in Gesundheitsfragen, zum Thema Krankenversicherung, Verschuldung, zum Prostitutionsgesetz, Aufenthalts- oder Arbeitsrecht. Begleiten sie zu Ämtern, vermitteln Hilfsangebote etwa bei Schwangerschaft. Bringen sie im Notfall anonym unter, helfen beim Ausstieg oder der Rückkehr ins Heimatland.

Sie hören sich Probleme und Ängste der Frauen an: gewalttätige Freier, Stalker, Isolation, Vereinsamung. Die Folgen des Berufs, der, so die 33-Jährige, eben kein Job wie jeder andere ist, sind: Burnout, Depression, Traumatisierung.

Sponsoren und Ehrenamtliche gesucht

Ob das Solwodi-Projekt „Lilja“ überleben wird, hängt davon ab, ob ein Sponsor gefunden werden kann. Die hoch verschuldete Stadt mit ihrem Nothaushalt kann für das Projekt finanziell nicht in die Bresche springen. Obwohl die Frauen täglich sechs Euro Sex-Steuer und noch einmal sechs Euro Gewerbesteuer an die Stadt zahlen. Das Geld fließt jedoch in den Gesamthaushalt. Eine Unterstützung Liljas wäre jedoch eine freiwillige Aufgabe und damit aus Haushaltsmitteln nicht zu rechtfertigen.

So werden Spender gesucht. Allerdings auch ehrenamtliche Mitarbeiter. Und zwar Sprach- und Kulturmittlerinnen im Milieu. Denn die Frauen kommen ja aus aller Herren Länder - auch aus Spanien, Russland, afrikanischen Staaten oder Albanien. Um alle Nationalitäten zu erreichen, sucht man bei Lilja nach Frauen, die die entsprechenden Sprachen sprechen.

Wer bei Lilja mitarbeiten möchte, kann sich melden unter 648 82 72, 01577-185 30 21, 01578-429 26 35, oberhausen@slowodi.de, www.solwodi.de.

Das Spendenkonto: Solwodi NRW e.V. Stichwort „Projekt Lilja“, Stadtsparkasse Duisburg, Bankleitzahl 350 500 00, Konto Nr. 204 008 999.

Die Stiftung Solwodi (Solidarity with Women in Distress) kümmert sich übrigens seit 1985 um Opfer von Menschenhandel.

Einzelschicksale

Mary, gerade 18 Jahre, ist verzweifelt. Das Baby der jungen bulgarischen Roma ist herzkrank, muss dringend operiert werden. Mary wird von einem Bekannten nach Deutschland gebracht. Mit dem Versprechen: „Wenn du dich drei Monate prostituierst, hast du das Geld für die OP zusammen.“ Mary wird eingesperrt, geschlagen, ihr wird der Pass abgenommen. Sie landet an der Flaßhofstraße. Aus dem versprochenen, schnell verdienten Geld wird nichts. Die junge Frau hat großen Stress, bekommt eine Gürtelrose. Die Wirtschafterin des Hauses, in dem Mary arbeitet, wendet sich an Lilja. Mary kommt ins Krankenhaus. Sie will eine Aussage machen. Die Frau und ihre Familie werden darauf massiv bedroht. Mary wagt es nicht mehr auszusagen, sie schweigt. Nach dem Krankenhausaufenthalt und einer Woche zur Erholung in einem Frauenhaus wird sie wieder im Bordell angetroffen. „Sie macht einen traurigen Eindruck“, sagt die Sozialarbeiterin.

Tausende Euro

Eine 18-Jährige wird von ihrem Zuhälter ins Bordell gebracht. „Sie hatte dort weder Seife, noch Shampoo, noch richtig etwas zu essen“, sagt die Sozialarbeiterin. Die junge Frau habe nur gearbeitet. Innerhalb von drei Wochen erwirtschaftete sie für ihren Zuhälter 11 000 Euro. „Die Wirtschafterin des Hauses hat uns angerufen, weil es der Frau so schlecht ging.“ Die 18-Jährige war jedoch aus Angst nicht zu einer Aussage bereit, dass sie zur Zwangsprostitution gezwungen worden war.

Schwanger im Bordell

Sonja, 19 Jahre alt, wird im 5. Monat schwanger im Bordell angetroffen. Da die Rumänin sehr schlecht ernährt ist, wird sie von den Sozialarbeiterinnen zusätzlich mit Nahrungsmitteln versorgt. Wohl weil die junge Frau ihrer Schlepperin kein Geld mehr einbringt, so der Eindruck der Sozialarbeiterinnen, kümmert sie sich auch nicht mehr um Sonja. Sonja entschließt sich für eine anonyme Geburt und gibt ihr Baby zur Adoption frei. Zu einer Aussage ist sie nicht bereit.

Kein Job als Kellnerin

Rosa (19) wird mit falschen Versprechungen, mit der Aussicht auf einen Job als Kellnerin, von Bulgarien nach Deutschland gelockt. Sie landet in einem Bordell, wird zur Prostitution gezwungen. Zu einer Aussage bei der Polizei ist sie nicht bereit. Ihr einziger Wunsch: die Flucht zur Schwester nach Belgien. Solwodi ermöglich ihr die Flucht dann auch.

 
 

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