Verbeugung vor dem WM-Gastgeber

Kinder und Jugendliche lernen sie besonders schnell, die schnellen Bewegungsabläufe der Capoeira.
Kinder und Jugendliche lernen sie besonders schnell, die schnellen Bewegungsabläufe der Capoeira.
Foto: WAZ-FotoPool
Ein Workshop der Jugendkunstschule Oberhausen vermittelt brasilianischen Kampftanz. Der Capoeira, vor rund 400 Jahren von afro-amerikanischen Sklaven erfunden, steht für das rhythmusverliebte Südamerika mit seiner tragischen Vergangenheit.

Oberhausen.. Wenn er plötzlich nicht mehr erklingt, der Capoeira-Rhythmus, ei­ne langsame Samba, fehlt einem etwas. Denn der Endlos-Rhythmus nach dem gleichnamigen brasilianischen Kampftanz drischt nicht laut hämmernd auf seinen Zuhörer ein. Er hat vielmehr das Zeug, einem unterschwellig in Fleisch und Blut überzugehen. In diesem Tanz probieren sich die Teilnehmer eines Workshops in der Sterkrader Tanzschule Valentino – eine künstlerische Verbeugung vor dem Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft.

Nach einer langen Aufwärmphase trommelt Capoeira-Lehrer Tobias Kroker die sechs Teilnehmer, vier Kinder und zwei Erwachsene, wieder aufs Tanzparkett. Es gilt den Grundschritt, Ginga (Waage) genannt, einzustudieren. In passender gelb-grüner Jogginghose und mit WM-T-Shirt bekleidet, macht Kroker den Wiegeschritt vor: In gebeugter Haltung, mit leicht angewinkelten Armen, die auf Schulterhöhe gehoben sind, wird wechselweise ein Bein hinter das andere zurückgesetzt. Genau entgegengesetzt dazu bewegen sich die Arme.

Symbolischer Fußtritt

Im großen Spiegel an der Wand können die Tänzer ihre Bewegungen beobachten. Jetzt können sie paarweise tanzen. „Der Capoeira ist vor rund 400 Jahren von afro-amerikanischen Sklaven erfunden worden – als Kampfformation gegen ihre Un­terdrücker“, erläutert Kroker. Deshalb muss man ihn paarweise (mit dem Gegner) tanzen.

Aber dazu bedarf es mehr als nur des Grundschritts. Deshalb ist als nächstes ein schnelles Hocken des einen Tanzpartners als Übung angesagt. Dabei darf er sich mit der Hand abstützen. Im gleichen Moment hebt der andere Tanzpartner sein Bein über den Kopf des Hockenden – als symbolischer Fußtritt. „Genau diese Kombination aus Tanz- und Kampfstil hat mich gereizt“, erklärt Michael Göpel, einer der beiden erwachsenen Teilnehmer am Workshop. Normalerweise vermittelt er als Tanzlehrer selbst die Samba. Jetzt aber ist auch er Schüler.

Auf die Hock-Figur mit dem Fußtritt folgt als dritte Figur eine Drehbewegung am Boden, während derer der andere Tanzpartner über den Liegenden einen Radschlag macht. Bei dieser Übung sind die vier Kids in ihrem Element, fliegen mit Leichtigkeit im Radschlag über das Parkett.

Ganz schön anstrengend

„Capoeira ist wie Freejazz. Es wird total viel improvisiert“, erzählt Tobias Kroker. Den Anfängern freilich muss er erst mal die Grundlagen beibringen. Jetzt aber ruft er eine Pause aus. „Ganz schön anstrengend“, findet Sandra Overhoff, die einzige Frau unter den Teilnehmern. Die Kids dagegen zeigen keine Spur von Müdigkeit, machen einhändigen Handstand oder Kopfstand – alles im Capoeira-Rhythmus.

Tobias Kroker stellt die Musik ab. „Wir machen jetzt den Abschluss“, ruft er. Wieder bilden die Teilnehmer einen großen Kreis. Kroker greift zur Pandeiro, einem Trommel-Tamburin, und sorgt jetzt selbst für den Rhythmus. Die Teilnehmer klatschen mit. Es wird gesungen. Die Kinder haben sich am leichtesten gemerkt, was Kroker ihnen dazu zu Beginn beigebracht hatte. „Die Texte richteten sich natürlich gegen die Sklavenhalter“, sagt der Choreograph.

Denn jetzt gilt es, die erlernten Figuren zu einem Ganzen miteinander zu verbinden. Es gelingt nicht so ganz, dafür bräuchte Kroker mit seinen Tanzfreunden einen weiteren Nachmittag. Trotzdem hat der Workshop allen viel Spaß gemacht. „Meine Eltern wären ganz neidisch“, sagt ein Mädchen, bevor es sich verabschiedet.

 
 

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