Unterm Haus rumort es

Nachts hören sie beunruhigendes Rumoren: „Es knackt gewaltig im Mauerwerk.“ Doch nicht nur das bereitet Karl und Maria Nattermann schlaflose Nächte. Unter ihrem Haus in Sterkrade wurde wie vielerorts im Ruhrgebiet in Hunderten von Metern Tiefe jahrzehntelang Kohle abgebaut. Auch wenn es fast überall vorbei ist mit dem Bergbau: Der Berg arbeitet noch immer.

Vor zwei Jahren gab es erste Anzeichen, dass sich unter dem weiß gestrichenen Haus der Nattermanns, Baujahr 1995, etwas bewegt. „Beim Rasenmähen fiel mir auf, dass im Garten der Boden abgesackt war“, sagt Karl Nattermann. Die Terrasse hatte sich gut zwanzig Zentimeter gesenkt. Durch Risse im Mauerwerk drang Wasser ins Einfamilienhaus. Die Folge: Schimmel und feuchte Wände. Dabei lag der aktive Bergbau unter der Wohnsiedlung damals schon mehr als vierzehn Jahre zurück.

„Unglaubliche Kräfte“

Jetzt haben die Nattermanns mit der Sanierung begonnen. Auf 160 000 Euro hat ein Architekt den Schaden geschätzt. Dafür soll das Bergbauunternehmen RAG aufkommen. Das hat nach einer Begutachtung aber beschieden, es könne sich nicht um Bergschäden handeln. Das sieht Andreas Mollinga, Sachverständiger für Bergschäden beim Interessenverband Bergbaugeschädigter Immobilienbesitzer (IVBI) anders: „Schauen sie, wie sich der Boden abgesenkt hat“, sagt er und deutet auf eine Kuhle im Garten. „Veränderungen in der Tiefe wirken sich hier mit unglaublichen Kräften aus.“

Wäre diese Sollbruchstelle im offiziellen Kartenwerk der RAG vermerkt, wäre der Nachweis für einen Bergschaden leichter zu führen, meint Mollinga. Laut der Kartenkopie, die der Familie vorliegt, endet die sogenannte Unstetigkeit aber an der Grundstücksgrenze.

Fehlende Eintragungen machten es der RAG leichter, eine Schadensregulierung zu verzögern oder abzulehnen, meint Mollinga. Die Markscheider, die Vermessungsingenieure, die die Karten führten, seien zwar formal unabhängig, aber bei dem Unternehmen angestellt. Das Problem kritisierte jüngst auch die CDU in NRW. „Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing“, sagt Mollinga. „Es entsteht der Eindruck, dass die Schadensregulierung dort, wo es keinen Bergbau mehr gibt, besonders schleppend verläuft.“

Das Bergbauunternehmen weist diese Vorwürfe entschieden zurück. Die RAG sehe sich in der Verantwortung, vom Bergbau verursachte Schäden unbürokratisch und schnell zu bearbeiten, sagt Unternehmenssprecher Christof Beike. Bei fast allen der 40 000 Schadensmeldungen pro Jahr werde eine rasche Einigung erzielt.

„Dass strittige Fälle vor Gericht landen, ist die absolute Ausnahme“, meint auch Johannes Schürken, Geschäftsführer des Verbandes der bergbaugeschädigten Haus- und Grundeigentümer. Mangelnde Unabhängigkeit der Markscheider ist aus seiner Sicht nicht das Problem: „Manipulation von Karten habe ich in all den Jahren nicht festgestellt.“ RAG-Sprecher Beike sagt zudem, Karten spielten in den allermeisten Fällen bei der Schadensbegutachtung keine große Rolle. „Entscheidend ist das Schadensbild vor Ort.“

Karl Nattermann macht das Verhalten der RAG wütend. „Wir wissen, dass wir auf einem Schweizer Käse wohnen“, sagt er. „Ich bin mir sicher: Hätte es den Bergbau nicht gegeben, hätten wir auch keine feuchten Wände im Keller.“ Die Familie hat jetzt damit begonnen, das Fundament freilegen zu lassen. Der Keller wurde wochenlang mit röhrenden Lüftern getrocknet. Wenn bald die Terrassensaison beginnt, sitzen Nattermanns auf einer Baustelle. „Da leidet schon die Lebensqualität“, sagt Maria Nattermann und seufzt.

Dass die RAG wenigstens für den finanziellen Schaden aufkommt, dafür will die Familie kämpfen – und notfalls klagen. Bei dem Unternehmen liegt inzwischen ein Gutachten auf dem Tisch, das die Familie in Auftrag gegeben hat. „Es wird eine weitere Begehung geben“, kündigt RAG-Sprecher Beike an.

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