Spinngruppe Niederrhein trifft sich in Oberhausen

Die Spinngruppe Niederrhein trifft sich einmal im Monat in der Gaststätte Alt-Holten zum Handarbeiten.
Die Spinngruppe Niederrhein trifft sich einmal im Monat in der Gaststätte Alt-Holten zum Handarbeiten.
Foto: WAZ FotoPool
Einmal im Monat trifft sich eine Gruppe von Frauen zum Wolle-Spinnen in Oberhausen. Das fertige Garn verarbeiten sie zu Mützen, Schals und Socken für sich und ihre Liebsten oder spenden sie für einen guten Zweck.

Oberhausen. Handarbeit ist eine sterbenslangweilige Fummelei und nur etwas für alte Leute? Könnte man glauben. Wäre da nicht diese Gruppe Frauen, die sich jeden Monat mit einem Schwall guter Laune und Tatendrang in der Gaststätte Alt-Holten trifft, um am Rad der Zeit zu drehen: am Spinnrad.

Über das Internet gefunden

Ausgerechnet über das Neuzeitmedium Internet hat sich die Spinngruppe Niederrhein gefunden, um dieser traditionellen Handarbeit zu frönen: In Nettetal hat Gudrun Keiderling (46) den Klub gestartet, „über das Internet fand ich interessierte Frauen aus Duisburg und Oberhausen, deshalb sind wir jetzt in Holten“. Mit Handspindel, Spinnrad und einer Gruppe von rund 20 sich fröhlich unterhaltenden Frauen zwischen 30 und 50, die an diesem Mittwoch längst überfällige Weihnachtsgeschenke austauschen und zwischendurch vom selbst gemachten Kuchen naschen.

Spinn-GruppeDen weitesten Weg von ihnen hatte wohl Agnes von de Beek: Die Niederländerin lebt in Nordhorn an der deutschen Grenze, knapp eine Stunde fährt sie mit dem Auto. Im Kofferraum: ihr Spinnrad. Gerade klappt die 53-Jährige es auseinander, zieht ihre Spindel auf einen senkrechten Holzstab zwischen zwei Pedalen, auf die sie schon Sekunden später gleichmäßig zu treten beginnt. Über mehrere Ösen, Gummibänder und Räder dreht sich so die Spindel und zieht sich nach und nach die losen Wollfasern aus von de Beeks Hand. „Die Bewegungen der Hände und Füße zu koordinieren, das ist am Anfang schwierig. Man muss sich konzentrieren, wird ruhiger. Irgendwann schläfst du ein.“

Wolle aus Neuseeland

Doch bis dahin ist es ein weiter Weg: Von de Beeks gefärbte Wolle stammt aus Neuseeland, mal kommt sie aber auch aus Schmachtendorf, direkt vom Bauern. „Das riecht erst einmal nicht sehr angenehm“, weiß Martina Schlicht, die seit 2004 spinnt und nicht selten Wolle aus ihrer Heimatstadt nutzt. In einem großen Eimer wäscht sie das Schafsfell zuerst, bearbeitet es dann mit einer speziellen Bürste, eh das Spinnrad zum Einsatz kommt.

Rund fünf Stunden dauert es, bis sie 100 Gramm Wolle gesponnen hat. Damit noch nicht genug: Anschließend werden zwei Fäden miteinander verzwirnt, erneut gewaschen und zu einem Knäuel zusammengewickelt. Dann geht es mit dem Stricken los. Für einen Pullunder, schätzt die 48-Jährige, brauche sie rund 400 Gramm Wolle, sollen noch Ärmel dran, sind das locker weitere 700 Gramm. Macht 55 Stunden allein fürs Spinnen.

Insgesamt dauere es rund 80 Stunden, um aus schmutziger Schafswolle einen neuen Wohlfühlpulli zu machen. Acht Arbeitstage also. „Das kann uns ja keiner bezahlen, deswegen spinnen und stricken wir meist für den Eigenbedarf.“ Nachdenklicher habe sie die Handarbeit aber schon gemacht. „Man geht anders einkaufen, fragt sich, unter welchen Bedingungen so mancher Pulli im Discounter wohl hergestellt wurde.“

Stricken für einen guten Zweck

Und das gilt nicht nur für die Textilarbeiter in fernen Ländern. Auch hierzulande führt Handarbeit, sofern sie mehr als ein Hobby sein soll, allzu oft in eine prekäre Existenz. „Wir haben den Respekt vor unserer Kleidung und dem ganzen Prozess dahinter verloren“, findet Gudrun Keiderling. Geht etwas kaputt, werde es weggeschmissen.

Die Spinngruppe Niederrhein hingegen zelebriert ihre Arbeiten geradezu: Mit der fertigen Wolle verabreden sich die Frauen zum Zug-Socking. Dann fahren sie mit der Regionalbahn nach Euskirchen und stricken unterwegs Socken. Auf einem großen Haufen liegen die Strümpfe in der Gaststätte, fast 300 an der Zahl, dazu genauso viele Schals. Bestimmt sind sie für ein Kinderdorf in Bolivien.

„Wir stricken jedes Jahr für einen guten Zweck“, sagt Schlicht. Im Internet rufen sie zur Mithilfe auf. „Die weiteste Einsendungen kam aus Kanada.“

 
 

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