Sparkasse Oberhausen drohen in Insolvenz-Affäre 40 Millionen Euro Kosten

Der Stadtsparkasse Oberhausen drohen der Ausfall eines Großkredites und eine Schadensersatzforderung. Die finanziellen Folgen können bis zu 40 Millionen Euro betragen.
Der Stadtsparkasse Oberhausen drohen der Ausfall eines Großkredites und eine Schadensersatzforderung. Die finanziellen Folgen können bis zu 40 Millionen Euro betragen.
Foto: WP
Die Stadtsparkasse Oberhausen ist in einen Fall verstrickt, der sich zu einer Schlammschlacht ausweitet. 40 Millionen Euro denkbare Kosten könnten dem Kreditinstitut drohen. Personelle Konsequenzen schließen wichtige Leute in der Stadt nicht aus.

Oberhausen.. Die Stadtsparkasse Oberhausen ist in einen Fall verwickelt, der sich Schritt für Schritt zu einem regelrechten Wirtschaftsdrama entwickelt, das dem öffentlich-rechtlichen Kreditinstitut nicht nur den Ausfall eines Großkredites von 20 Millionen Euro inklusive Bürgschaften bescheren könnte, sondern sogar Schadenersatzforderungen in ähnlicher Größenordnung.

40 Millionen Euro denkbare Kosten für eine Sparkasse mit einem Jahres-Betriebsgewinn von rund 18 Millionen Euro: Das ist kein Pappenstil, wenngleich vom Geldinstitut bei einem Eigenkapital von 160 Millionen Euro tragbar - bezahlbar bei jahrelangen Gewinneinbußen.

Wahrheit muss noch gefunden werden

Doch die nüchternen Zahlen sind das eine, das andere ist eine bemerkenswerte Schlammschlacht in dieser Stadt, in der zahlreiche Personen anonym oder in Hintergrundgesprächen mit vielen Spekulationen und Verdächtigungen um sich werfen, ohne dass man der Wahrheit wirklich näher kommt. Am Ende werden wohl Staatsanwaltschaften und Gerichte klären, was wirklich Wirklichkeit war.

Beteiligt sind eine gut situierte Königshardter Familie mit einem Ring einflussreicher Berater, ein Unternehmen mit 35 Arbeitsplätzen und einem Jahresumsatz von 70 Millionen Euro sowie die Sparkassenvorstände mit Karlheinz Merzig an der Spitze, Thomas de Koster und Ulrich-J. Salhofen, die sich mit Gutachtern, Wirtschaftsprüfern, Medienanwälten und Insolvenz-Fachleuten bewaffnet haben.

Kreditvolumina bis zu 17 Millionen Euro

Die Oberhausener Firma im Mittelpunkt des Dramas heißt „Sport-Concept“. 2003 gegründet, sorgte die GmbH mit Geschäftsführer Hartmut Bischofs (39) dafür, dass u.a. Lebensmittel-Ketten mit Sportmarkenwaren für Aktionsangebote versorgt werden; die Ware erhielt die Firma nach eigener Darstellung von Händlern und Produzenten. Mit einem einzigen Discounter habe „Sport-Concept“ den Großteil seiner Umsätze gemacht. Weil zwischen Kauf, Belieferung und Verkauf der Waren Zeit ins Land geht, benötigt eine solche Zwischenhändler-Firma Vorfinanzierungs-Kredite.

Je mehr Filialen beliefert werden, desto schneller und stärker steigen die erforderlichen Kreditvolumina. Weil „Sport-Concept“ durch das Wachstum seines Großkunden plötzlich 4000 statt 1500 Filialen mit Turnschuhen, T-Shirts und Trikots beliefern musste, habe das Unternehmen laut Geschäftsführer Bischofs zeitweise Kreditvolumina bis zu 17 Millionen Euro ausgeschöpft. Es habe allerdings nur eine Kreditlinie von zehn Millionen Euro gehabt.

Geschäftsbündnis zerbrach im März

In seinen Verträgen hatte „Sport-Concept“ zudem vereinbart, nicht verkaufte Ware aus den Discounter-Geschäften zurückzunehmen und Beträge zu erstatten. Auf „Sport-Concept“ lag also ein „Nichtverkaufs-Risiko“ der Waren, die die Firma aber auf anderem Wege versuchte, an den Mann zu bringen. Seit Anfang 2009 sei das Geschäft so gut gelaufen, dass der Umsatz explodierte: von 11,6 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2007 bis 70 Millionen Euro 2010.

Die Sparkasse hat den Weg der Firma seit ihrer Gründung 2003 begleitet; Merzig ist seit 2001 Chef der Sparkasse. Der Mittwoch, 30. März 2011, soll der entscheidende Tag gewesen sein, als dieses Geschäftsbündnis zerbrach: Bei einem Gespräch sei dem nach eigener Aussage völlig verdutzten Geschäftsführer Bischofs verkündet worden, dass die Sparkasse die zeitlich stets befristete Kreditlinie nicht mehr wie bisher verlängern werde. Sie habe die Rückzahlung von Darlehen in Höhe von 14 Millionen Euro innerhalb von 14 Tagen eingefordert.

Zwei Insolvenzanträge

Weil „Sport-Concept“ nach eigener Darstellung eine so hohe Summe angesichts vieler im Warenkreislauf gebundener Summen nicht leisten konnte, stellte die Sparkasse Ende April beim Duisburger Gericht einen Insolvenzantrag gegen die Firma - Tage zuvor hatte ein anderes Handelsunternehmen bereits einen Antrag gegen „Sport-Concept“ gestellt. Nun arbeitet sich ein vorläufig bestellte Insolvenzverwalter in den Fall ein.

Wie Bischofs angibt, kann seine Firma ihre Geschäfte durch dieses Verfahren nicht weiterführen. Er greift die Sparkasse an: „Hier wurde ein seriöses, gut funktionierendes, profitables Unternehmen mit 35 Arbeitsplätzen ohne erkennbaren Grund platt gemacht.“

Sport-Concept will auf Schadenersatz klagen

Hartmut Bischofs, Geschäftsführer von „Sport-Concept“, erklärt, dass er seine Geschäfte durch das Insolvenzverfahren nicht weiterführen könne – denn das Geschäftsmodell sieht eben die Rücknahme und Bezahlung nicht verkaufter Waren vor; unmöglich für nicht liquide eingeschätzte Firmen. Im Juli habe er selbst beim Insolvenzgericht in Duisburg einen Eigenantrag stellen müssen.

Seit drei Jahren würden die Geschäftszahlen von „Sport-Concept“ von der Kölner Beratungs-GmbH RDG regelmäßig durchleuchtet; im Januar 2011 erstellte ein im Haus der Sparkasse sitzendes Unternehmen, die „Phoenix Beratungs- und Beteiligungsgesellschaft“, zudem ein Gutachten über die Aussichten von „Sport-Concept“ in mehreren Varianten - „unser Geschäft war völlig transparent, alle Zahlen lagen auf dem Tisch, es gab keinen Grund zu glauben, wir seien nicht liquide“, meint Bischofs. Er kündigt an: „Wir werden die Sparkasse auf Schadenersatz in zweistelliger Millionenhöhe verklagen.“ Der Firmenwert belaufe sich nach Ermittlung eines Gutachters auf 33 Millionen Euro.

Nun hat es die Sparkasse nicht leicht, darauf zu antworten. Sie beruft sich aufs Bankgeheimnis und auf sensible Geschäftsbeziehungen. Zudem sei Vorstandschef Merzig lange Zeit erkrankt gewesen.

Dünne Sicherheiten

Nach Darstellung von Finanzfachleuten scheint das Hauptproblem intern die Explosion der Kreditvolumina von „Sport-Concept“ gewesen zu sein, die zwar immer wieder zurückgeführt worden seien, aber stetig zunahmen. Die Sicherheiten dafür waren dünn: Die Sparkasse soll angeblich fast ausschließlich die Waren selbst als Sicherheit zur Verfügung gehabt haben - wie Brancheninsider meinen, sei dies sehr ungewöhnlich. Denn sollten sich Waren als unverkäuflich erweisen, sei automatisch auch der Wert der Sicherheit marode. Mit steigendem Kreditvolumen blinkten intern Risiko-Kennzahlen auf - und sollen die Sparkassenleute zusehends nervös gemacht haben.

Seit fast zwei Jahren habe die Sparkasse nach Darstellung mehrerer Betroffener versucht, Investoren oder zusätzliche Kreditgeber für „Sport-Concept“ zu finden - letztendlich ohne Erfolg. Obwohl Bischofs behauptet, ein Investor sei noch im April 2011 bereit gewesen, bei „Sport-Concept“ einzusteigen - die Sparkasse habe dies ignoriert.

Unabhängige Beratungsgesellschaft erstellt derzeit ein Gutachten

Die Sparkasse wiederum soll nach unbestätigten Aussagen die Reißleine gezogen haben, weil man bei der erstmaligen hautnahen Überprüfung des Hauptlagers von „Sport-Concept“ überraschend nur einen Teil der Sicherheiten vorgefunden haben soll.

Intern soll bereits die unabhängige Beratungsgesellschaft Price-Waterhouse-Coopers (PWC) im Auftrag der Sparkasse ermitteln, ob der Vorstand Fehler gemacht hat oder von „Sport-Concept“ ausgetrickst worden ist. Seit März kam immer wieder der Kreditausschuss der Sparkasse, besetzt mit mehreren honorigen Lokalpolitikern, zu Krisensitzungen zusammen. Zudem soll sich nach Angaben von Bischofs bereits die Bankenaufsichtsbehörde Bafin und die Sparkassenaufsicht für den Fall interessieren.

Wegen Betrugs verurteilt

Noch pikanter wird die Geschichte dadurch, dass neben Bischofs und der Familie von Friedhelm Denne, dem Gründer von „Sport Concept“, die Familie von Rolf Hoffmann die 60-prozentige Mehrheit an „Sport-Concept“ besitzt. Christa und Rolf Hoffmann sind im Königshardt dank vieler Aktivitäten recht bekannt.

Rolf Hoffmann ist in der ersten Hälfte der Nuller Jahre unangenehm aufgefallen: Der Gründer des Einzelhandelsgeschäfts „Sport Hoffmann“ wurde 2006 wegen mehrfachen Betrugs rechtskräftig verurteilt. Rolf Hoffmann hält nach Angaben von Bischofs selbst keine Anteile an „Sport-Concept“, lediglich sein Sohn und seine Frau. Rolf Hoffmann habe auch keine Geschäfts- oder Kontovollmachten, er sei ein „wichtiger Berater ohne Honorar“.

Sparkassenvorstand unter Druck

Inwieweit die Sparkasse wusste, dass Hoffmann über die Beteiligung seiner Familie hinter „Sport-Concept“ steht, ist unklar: Personen aus dem Umfeld der Sparkasse behaupten, das sei erst bei internen Ermittlungen im Frühjahr 2011 herausgekommen. Bischofs gibt an, die Sparkasse habe von Anfang an gewusst, dass Hoffmann ein wichtiger Mann im Hintergrund gewesen sei. Merzig und er hätten sich SMS geschrieben und persönlich über die Firma gesprochen.

Ohnehin habe sich Merzig regelmäßig in Belange der Firma eingemischt, so Bischofs. Zwei der vier bisherigen Geschäftsführer seien auf Wunsch des Sparkassenvorstands ausgewählt worden. Zudem habe Merzig Veränderungen in den Beteiligungsverhältnissen durchgesetzt. Jürgen Kurz, Medienberater der „Sport-Concept“-Eigner, sagt drastisch: „Hier hat einer Industriepolitik à la Deutsche Bank spielen wollen, handelte dann aber amateurhaft und ist gescheitert.“ Die Sparkasse äußerte sich mit Hinweis auf das Bankgeheimnis nicht.

Unklar ist auch, wie gut sich Merzig und Hoffmann kennen. In anonymen Briefen war Merzig vorgeworfen worden, dass Hoffmann ihn privat nach Sylt eingeladen habe. Was auch immer man von solchen Hinweisen hält - Merzig soll den Vorwurf Sparkassen-intern zurückgewiesen haben.

Die Oberhausener Politik ist über die Vorgänge wenig amüsiert und befürchtet eine Dauerbelastung für die Sparkasse. Personelle Konsequenzen schließen wichtige Leute in der Stadt nicht aus.

 
 

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