Spannende Reportagen elegant geschrieben

Eine Zeitreise in die vergangene Gegenwart einer magischen Metropole empfiehlt der Sterkrader Buchhändler Arndt Wiebus als Lektüre: „Kein Reporter kann auf Dauer Interviews machen, ohne ein wenig meschugge zu werden; früher oder später fängt man an, Stimmen zu hören.“ Diese Feststellung hat der legendäre Reporter Joseph Mitchell gemacht. Als junger Mann kam er Anfang der 1930er Jahre in die damals noch größte Stadt der Welt: New York. Unter dem Titel „New York Reporter“ sind 2013 die Texte erstmals in deutscher Übersetzung erschienen, die er in jener Zeit der Prohibition und großen Depression erst als Nachtreporter der „Herald Tribune“, dann bei „The World-Telegram“ verfasst hat. Nach wenigen Seiten schon ist man gebannt mitten in Alltag und Allnacht der brodelnden Weltmetropole. Mitchell ist ein aufmerksam feinnerviger Zuhörer, er spricht gern mit Randständigen, das Geflecht nonkonformistischer Existenzen interessiert ihn viel mehr als Wirtschaftsmagnaten, Politiker, Prominente. Er schreibt ohne Umschweife immer gleich ins Herz der Geschichten. Das macht seine Texte auch so nah, lässt die rund 80 Jahre, vor denen sie entstanden sind, in einen Augenblick der Gegenwart zusammenschnurren. Spannend wie Kriminalromane, witzig und reich an aufregender Tiefenschärfe, stilistisch schnörkellos, klar und elegant.

Joseph Mitchell: New York Reporter. Übersetzt von Sven Koch u. Andrea Stumpf. Diaphanes Verlag, 2013. 22,95 Euro.

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