Serdar Somuncu predigt Hass im Ebertbad in Oberhausen

Als „Hassprediger“ im Ebertbad: Die Vorstellungen von Serdar Somuncu waren fünf Mal ausverkauft.
Als „Hassprediger“ im Ebertbad: Die Vorstellungen von Serdar Somuncu waren fünf Mal ausverkauft.
Foto: NRZ
Serdar Somuncu sieht sich nicht als Kabarettist und schon gar nicht als Comedian. Der selbsternannte Hassprediger versteht sich eher als ein Prophet und schlägt bei seiner Vorstellung im Oberhausener Ebertbad auf alles ein, was eine Angriffsfläche bietet - Personen, Nationalitäten, Ansichten, Lebensweisen - erst recht Tabus.

Oberhausen.. Es gibt Künstler, die ihr Publikum umgarnen. Sie rücken ihren Gästen verbal auf die Pelle. Sprechen von wundervollen Menschen, netten Gesichtern und einer tollen Zeit. Es wird gerne blumig: Manchmal werden Rosen verteilt. Wenn Serdar Somuncu Grünzeug verteilen würde, wären es wahrscheinlich dornige Distelzweige. Kaum eine andere Person hat auf den Brettern des Ebertbades wohl so deftig gen Publikum ausgeteilt.

Serdar Somuncu sieht sich nicht als Kabarettist. Auch ein Comedian möchte er nicht sein. Somuncu sieht sich als Prophet. Somuncu ist ein Hassprediger. So jedenfalls betitelt er sein Programm. „Hassias“ nennt er sich selbst. Und spätestens an dieser Stelle wird klar, dass der Mann aus Istanbul nicht mit dem Schmetterlingsnetz über ein Feld mit Sonnenblumen hüpfen wird. Somuncu ist böse. Und jeder bekommt eine Ladung ab. Personen, Nationalitäten, Ansichten, Lebensweisen - erst recht Tabus.

"Ich hasse flächendeckend!"

Der Abend im Ebertbad dauert nicht mal fünf Minuten, da ist das erste Opfer gefunden. Kölner. Aber: „Ich hasse nicht nur Köln, ich hasse flächendeckend!“ Und so nimmt Somuncu Fahrt auf. Unbedarften Zuschauern steht das „Darf der so was?“ im Gesicht. Somuncu ist fraglos umstritten, regelmäßig verlassen Gäste verfrüht die Vorstellungen. Er schnappt sich die untere Grenze des guten Geschmacks und setzt dann noch einmal eine Grubenlampen-Fahrt tiefer an. Er referiert über Geschlechtsteile. Schildert ziemlich genau, wer mit wem was machen könnte. Er spricht über Betätigungen auf der Sanitäranlage.

Eigentlich müsste man bei derartigen Gossen-Zoten einen johlenden Saal vermuten, in dem die Sangria aus Eimern schwappt. Doch davor hat das Publikum - gemischt aus Jung und Alt, Türken und Deutschen, Schwarz und Weiß - mittlerweile zu viel Angst.

Zwischen Blödsinn und fundierter Gesellschaftskritik

Denn letztlich ist das Perfide am Programm, dass Somuncu sein Publikum nicht bei den direkten Attacken trifft. Wenn er etwa die Zuschauer mit plumpen Angeboten zum Geschlechtsakt torpediert. Nackenschläge gibt es vielmehr, wenn er zwischen Blödsinn und fundierter Gesellschaftskritik wandelt. Berieselung und Predigt mischt. Applaus an der falschen Stelle gnadenlos aufdeckt. „Was ist das für ein Nazi-Applaus an einer Stelle, die ich zu keiner Sekunde ernst gemeint habe?“ Gröhler bleiben da im Halse stecken.

Türken, Deutsche, Nazis, Islamisten, Schwule, Hetros. Somuncu teilt aus - gleichermaßen. Dass sein Programm auch Tiefgang enthält, beweist sich, wenn er von den Reaktionen „seiner Opfer“ berichtet. „Solange es die anderen trifft, kugeln sie sich vor Lachen. Doch wenn es gegen einen selbst geht...“

Somuncu spricht über seine Wahl zum Schulsprecher („Für die Hauptschule war ich zu dumm, also hat mein Vater mich zum Gymnasium geschickt“) und über das Imitieren des Deutschen, „so sehr, wie es sich die Deutschen nicht zu spielen wagen“.

Kein Programm für die Massen

Somuncu hat bereits bei einer langen Lesereise einige Passagen aus Hitlers „Mein Kampf“ ins Lächerliche gezogen. „Um die Nazis mit Worten zu quälen!“, wie er sagt.

Er ärgert sich aber auch über Kaya Yanar – und über die Nichtigkeiten der gesellschaftlichen Probleme. „Die Menschen sterben in großer Zahl an Grippe. Und wir haben Angst vor BSE, Schweinepest, Vogelgrippe – und: Gurken!“

Man kann Serdar Somuncu für sein Programm hassen. Oder lieben. Die gut zwei Stunden haben mehr Tiefe als der grobe Unfug zwischendurch vermuten lässt. Der Mann, der Schauspiel und Musik studiert hat, entlarvt seine Zoten als Zugang. Als Grund zum Zuhören. Kein Programm für die Massen. Doch wie sagt er: „Sich auszuhalten ist eine Form von Toleranz, die etwas mit Humor zu tun hat.“

EURE FAVORITEN

Weitere interessante Artikel