Seefeste Sänger begleiten Wagners Holländer auf der Halde

Ralph Wilms
Sie repräsentieren den Marina Shanty Chor im Opernchor auf Halde Haniel (v.li.) Karl-Heinz Gaisenkersting, Peter Aust und Ulrich Tenbergen.
Sie repräsentieren den Marina Shanty Chor im Opernchor auf Halde Haniel (v.li.) Karl-Heinz Gaisenkersting, Peter Aust und Ulrich Tenbergen.
Foto: Funke Foto Services
Drei Tenöre des Marina Shanty Chores singen mit bei Wagner auf Halde Haniel. Mit Casting plus Fitness-Test starteten die jeweils vierstündigen Proben.

Oberhausen/Bottrop. „Voll Überdruss wirft mich das Meer an Land.“ Der seit 170 Jahren von Richard Wagner auf die Planken seines Schoners verbannte „fliegende Holländer“ mag die christliche Seefahrt ja gründlich satt haben. Bei den drei Tenören aus den Reihen des Marina Shanty Chores sieht die Sache ganz anders aus: Seit nun einem Jahr entdecken sie mit wachsender Begeisterung jene maritime Oper, zu der den jungen Wagner einst eine speiüble Passage von Riga nach London inspiriert haben soll.

Den „Holländer“, in der Titelrolle gesungen vom Bariton Bastiaan Everink, gibt’s von Juni an auf hoher Warte: im Amphitheater der Halde Haniel. „Wir hatten in der Zeitung den Aufruf der Bottroper Chorgemeinschaft gelesen“, erzählt Peter Aust, „60 Männer gesucht, 40 Frauen“. Das Casting im März 2015 war auch gleich ein Fitness-Test: „Wir mussten singen und uns bewegen“, so Ulrich Tenbergen, „Kniebeugen und Hampelmann machen“.

Gefragt sind hellwache Sänger

Schließlich ist zumindest ein Teil des gewaltigen Chores auch Teil der Handlung: als Seeleute und Bewohner des norwegischen Hafenstädtchens. Auf der Halde heißt das: Singen von der windigen Höhe zweier original Schiffscontainer. „Wir turnen als Chor auf den Containern“, sagt Karl-Heinz Gaisenkersting, mit stattlichen 67 der (um ein Jahr) Älteste des Shanty-Trios. Mitte Mai wird’s ernst; dann geht’s zu fast täglichen Proben hinaus aufs höchste Haldenplateau des Reviers.

Gaisenkersting ist auch der einzige der „blauen Jungs“ mit dem Gasometer-Emblem am Revers, der bereits Erfahrung hatte mit dem Werk des „Ring“-Komponisten: Im Sängerbund der GHH zählen auch Opernchöre zum Repertoire. „Für Wagner muss man quasi Solo-Sänger sein. Die Ansprüche sind schon hoch.“

"Singen bringt Freude"

„Nur eine Hoffnung soll mir bleiben“, singt der Holländer, „nur eine unerschüttert stehn“. Ulrich Tenbergen sieht in der sportlichen Herausforderung des Opernchores einen deutlichen Beleg für die guten gesanglichen Grundlagen, die allen Dreien das wöchentliche Singen im Marina Shanty Chor mitgegeben hat. „Singen bringt Freude, das baut uns auf“, bestätigt Peter Aust.

Und die Tenöre müssen nicht nur ihren Atem „von der Taille bis aus den Waden holen“, wie Aust sagt. Der Gesamtkünstler Wagner mit seinen „unendlichen Melodien“ und rasanten Wechseln der Einsätze verlangt hellwache Chorsänger. „Wer zögert, hat verloren“, so Ulrich Tenbergen. Nach den vierstündigen Proben fühle er sich „fix und fertig – aber zugleich wie auf Wolken“.

Sehnen, Flehen und Wüten

Seinen Kollegen geht’s genauso. Und sie sind voll des Lobes für den gesanglichen Feinschliff durch Ludger Koeller und Elisabeth Otzik, die für die Halden-Aufführungen den Part der Senta übernimmt, jener jungen Kapitänstochter, die mit ihrer Liebe den verfluchten Holländer erlöst: Seit nun 13 Monaten formen beide einen Chor, der mit dem Sehnen, Flehen und Wüten dieser dreistündigen Oper bestehen kann.

Skeptisch beäugten die drei seefesten Sänger allein die schrillen Kostüme mit gelben Gummistiefeln und „Spielzeug im Hut“, wie Gaisenkersting sagt. „Aber wenn wir auf der Halde singen, haben wir so viel Adrenalin“, ahnt Peter Aust – da wird das Outfit herzlich egal sein.

Fazit vor der Premiere? „Unser Shanty Chor profitiert“, weiß Ulrich Tenbergen. Karl-Heinz Gaisenkersting erlebt selbst anstrengende Tage so: „Fünf Minuten nach dem Probenbeginn sind alle Probleme weg.“ Und Peter Aust, der 25 Jahre lang Yoga-Kurse in Oberhausen leitete, kennt nur einen „Sport“ der genauso gesund ist: Singen.