Schleichender Prozess

„Mobbing ist immer noch ein Tabuthema.“ Die Diplom-Psychologin Gabriela Coester betreut beim Integrationsfachdienst der Intego Menschen, die Psychoterror an ihrem Arbeitsplatz erleben müssen. Da dieses Thema aber in vielen Betrieben getreu dem Motto, „bei uns gibt es so etwas nicht“, immer noch totgeschwiegen werde, sei auch die Aufklärungsarbeit eine wichtiger werdende Angelegenheit.

Wer ist Täter,wer ist Opfer?

„Am Anfang sind es meist einfache Konflikte und Meinungsverschiedenheiten“, erklärt Gabriela Coester wie Mobbing am Arbeitsplatz entsteht. „Im Normalfall sind das also Sachen, die ohne größere Probleme gelöst werden könnten.“ Doch sollten diese Auseinandersetzungen nicht ausgeräumt werden, ist es nicht mehr weit zu Sticheleien und Psychoterror. „Das ist ein schleichender Prozess. Zu Beginn ist in vielen Fällen überhaupt nicht klar, wer Täter oder Opfer ist.“ Den klassischen Mobber gibt es nach Gabriela Coesters Erfahrungen aber nicht. „Jeder kann Täter oder Opfer werden.“ Hierbei muss die Psychologin aber einräumen, „diese Rollenzuweisungen gefallen mir eigentlich nicht.“

Oftmals hat Mobbing aber noch einen anderen Hintergrund. „Das wird durchaus bewusst eingesetzt, um Mitarbeiter loszuwerden. Es heißt dann, ‘der leistet ja nichts mehr, ist oft krank und macht Fehler.’ So folgen erst Abmahnungen und schließlich irgendwann auch die Kündigung.“ Sollte es nicht ganz soweit kommen, steht am Ende aber eher eine Versetzung des Opfers und nicht des Täters.

Um Betroffenen zu helfen, ist Zeit ein wichtiger Faktor. „Je weiter es voranschreitet, desto schwieriger wird die Angelegenheit. Das hat auch viel mit Gesichtsverlust zu tun und der verbrannten Erde, die den Auseinandersetzungen folgt.“ Leider ist die frühzeitige Hilfe aber oft genug nicht möglich. „Vielfach ist den Betroffenen nicht klar, dass sie Psychoterror erleben.“ Wenn die Unterstützung des Integrationsfachdiensts mit Gabriela Coester gesucht wird, gibt es verschiedene Hilfsansätze. „Vielfach sind die Ratsuchenden vorher aufgrund verschiedener Beschwerden in ärztlicher Behandlung gewesen. Durch die Ärzte kommen sie dann zu uns.“ Am sinnvollsten ist in vielen Fällen zuerst die alleinige Arbeit mit dem Betroffenen, ohne dass der Betrieb davon etwas mitbekommt. Hierbei müssen dann verschiedene Fragen gestellt werden. „Sind Folgeerkrankungen, etwa Depressionen aufgetreten? Kann der Betroffene überhaupt zurück?“

Die Betreuung und Therapie erfolgen immer auch in Kooperation mit anderen Stellen. Und ganz wichtig: Sie sind immer auf den Einzelfall bezogen. So können die Betroffenen etwa in psychologische Behandlung überwiesen werden oder auch eine Kur in Anspruch nehmen. Was Gabriela Coester allen Betroffenen rät, ist ein Mobbingtagebuch zu führen. „Damit kann man die eigene Situation verarbeiten und aufzeigen, wie sich etwas entwickelt hat.“

Mobbing behindertArbeitsabläufe

Zur Prävention, damit Mobbing-Situationen erst gar nicht auftreten, berät Gabriela Coester auch Unternehmen. „Ein Weg ist etwa über Betriebsvereinbarungen bestimmte Abläufe festzulegen.“ Ganz wichtig sei es außerdem, die Entscheidungsträgerebene einzubeziehen. „Den Unternehmen muss klar gemacht werden, dass psychischer Stress am Arbeitsplatz dafür sorgt, Abläufe zu behindern. Der Schaden für den Betrieb kann enorm sein.“

Ansprechpartner für Betroffene

Betroffene können sich an verschiedene Stellen in der Stadt wenden, etwa an die Selbsthilfestelle der Katholischen Familienbildungsstätte 859 96-46. Gabriela Coester kann beim Integrationsfachdienst unter 899596-16 erreicht werden. Beratung gibt es auch bei Arbeit und Leben unter 825-2830.