Oberhausens neue Rabbinerin: „Die Synagoge war mein Ort“

Natalia Verzhbovska (li.) hält hier den Gottesdienst Kabbalat Schabbat (Empfang des Samstages) in der liberalen jüdischen „Perusch“-Gemeinde am Friedensplatz.
Natalia Verzhbovska (li.) hält hier den Gottesdienst Kabbalat Schabbat (Empfang des Samstages) in der liberalen jüdischen „Perusch“-Gemeinde am Friedensplatz.
Foto: Tom Thöne / WAZ FotoPool
Natalia Verzhbovska entdeckte das Gemeindeleben nach dem Ende der UdSSR. Die Musikerin studierte in Potsdam und ist heute Oberhausens Rabbinerin.

Oberhausen.. Ende August entließ das Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam zum siebten Mal seine Absolventen – darunter Natalia Verzhbovska als erste Rabbinerin in Nordrhein-Westfalen. Die heute 47-Jährige aus Kiew war in ihrem ersten Berufsleben Pianistin und Klavierlehrerin. Seit Oktober ist sie in den drei liberalen jüdischen Gemeinden „Perusch“ in Oberhausen, „haKochaw“ in Unna und „Gescher laMassoret“ in Köln als Rabbinerin tätig. Das Gespräch mit Natalia Verzhbovska führte Dr. Norbert Reichling, der Leiter des Jüdischen Museums Westfalen.

Wie verlief Ihre Wiederannäherung an das Judentum?

Natalia Verzhbovska: In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion suchten nach 1990 viele Menschen nach neuen Wegen. Für mich führte dieser Weg direkt – begleitet von meinen Freunden – in die Kiewer jüdische Reformgemeinde „Hatikva“, und es war Liebe auf den ersten Blick: ich fühlte mich zuhause, die Synagoge war mein Ort, ich wusste in meinem Herzen, dass ich dorthin gehöre.

Was hat Sie dann 2008 bewogen, die Übersiedlung nach Deutschland zu wagen?

Verzhbovska: Das ist leicht zu beantworten – ich wollte studieren, Rabbinerin werden! Das geht für eine Frau nur an wenigen Orten der Welt, in nichtorthodoxen Institutionen.

Das Abraham Geiger-Kolleg hat mich von Anfang an gut aufgenommen und unterstützt, es bietet tolle Studienbedingungen. Und ich war begeistert – „jetzt bin ich in der Heimat des liberalen Judentums, bald werde ich Buber und Rosenzweig im Original lesen“ (lacht). Na, dazu bin ich noch nicht gekommen. Die Lehrer und Professoren des Kollegs haben mich jedenfalls sehr gefördert. Zum Konzept dieses Kollegs gehört es, dass man schon im zweiten Jahr der Ausbildung mit Praktika beginnt; man will, dass die Studierenden ein realistisches Bild von den Gemeinden bekommen.

Welchen Eindruck haben Sie dort gewonnen?

Verzhbovska: Ich war überrascht, wie stark die Mehrheit der Zugewanderten aus der ehemaligen Sowjetunion ist. Natürlich wusste ich von dieser Einwanderung, aber dass die „Neuen“ meistens mehr als 90 Prozent der Gemeindemitglieder stellen, war mir vorher nicht klar. Diese Menschen sind begeistert, endlich mit jemandem über religiöse Fragen sprechen zu können, aber sie haben mit ihren oft schlechten Deutschkenntnissen große Probleme, sich zu integrieren und ihre Religion auch zu leben.

Es gab noch ein anderes wichtiges Motiv zu gehen: Der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland zeichnet sich ja schon lange ab, und er bedroht auch meine Familie. Mein Mann ist Russe, er konnte nicht in Kiew leben, und ich auf Dauer auch nicht in Russland.

Warum ist Ihnen die liberale jüdische Strömung so wichtig?

Verzhbovska: Die Werte des liberalen Judentums sind mit dem modernen Leben zu vereinbaren. Das betrifft zuerst die Gleichberechtigung in der Erfüllung der religiösen Gebote für Männer und Frauen. Das liberale Judentum betont die ethischen Werte der Religion und kann den Juden helfen ihre jüdische Identität zu bewahren. Die liberalen Juden glauben daran, dass das jüdische Gesetz ein lebendiger Prozess ist und der Modernität entsprechen kann. Das liberale Judentum bietet jedem die Chance, eine eigene Beziehung zur Religion zu entwickeln, eine gewisse Balance zwischen alltäglichem und religiösem Leben zu finden. Einer so lebendigen Strömung fällt es auch leichter, den Dialog mit anderen Religionen aufzunehmen, fast alle liberalen Gemeinden sind aktiv in interreligiösen Projekten.

Was macht heute – neben den Gottesdiensten – ein jüdisches Gemeindeleben für Sie aus?

Verzhbovska: Es gibt unzählige Gespräche, Unterricht, Gruppen für Kinder und Jugendliche. Wir werden besonders die Familien mit Kindern versuchen zu aktivieren. Die Kontakte mit anderen Religionsgemeinschaften kommen noch dazu. Ich glaube, ich bin auch noch eine Vermittlerin zwischen Gemeinde und Mehrheitsgesellschaft, denn nicht alle Gemeinden verfügen über Sprecherinnen oder Sprecher, die diese Funktion ausfüllen.

Wie wollen Sie Jugendliche und Kinder an die Gemeinden binden?

Verzhbovska: Wenn wir die jungen Leute für uns erhalten möchten, müssen wir ihre jüdische Identität stärken. Das ist schwierig in einer säkularisierten Gesellschaft. Sie brauchen zunächst mehr Wissen über das Judentum, aber sie sollten vor allem etwas gemeinsam tun. Zum Beispiel fahren sie gemeinsam zu den Machanot, den jüdischen Ferienfreizeiten, und wir planen andere attraktive Veranstaltungen. Die Projekte, über die wir zur Zeit nachdenken, sind nicht „Religion pur“, sondern sie werden die Interessen der Jugendlichen mit religiösen Fragen verknüpfen.

Spielt ihre Vergangenheit als Musikerin noch eine Rolle in der jetzigen Arbeit?

Verzhbovska: Und wie! Ich muss in den Gottesdiensten die Vorbeter unterstützen, wir machen musikalische Veranstaltungen, und ich habe mich damals auch darin geübt, öffentlich aufzutreten.

Welche Bedeutung haben die sowjetischen und russischen Erfahrungen der Gemeindemitglieder?

Verzhbovska: Eine jüdische Gemeinde ist immer ein multifunktionaler Organismus – sie ist ein Lernhaus, ein Haus des Gebets, ein sozialer Treffpunkt. Und deshalb ist dort auch Platz für viele Interessen. Die Mehrheit ist nicht sehr gut integriert, und in der Gesellschaft der Gemeinden kann man Erfahrungen austauschen. Diese Menschen sollen ihre Wurzeln nicht ganz verlieren – in den Chören der Gemeinden in Unna und Oberhausen werden jüdische, deutsche, ukrainische, russische und auch moldawische Lieder gesungen. Sie bringen familiäre Erfahrungen ganz verschiedener Art mit, manche sprechen noch Jiddisch. Wir bieten die Chance, eine Balance zwischen den alten und den neuen Identitäten zu suchen, das Selbstverständnis der älteren jüdischen Menschen, die jetzt in Deutschland leben, muss sich noch entwickeln. Für die Jüngeren ist das alles kein Problem.

 
 

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