Oberhausenerin arbeitet wie zur Wikingerzeit

Mitten in der Großstadt bietet Silvia Schnell ein Stückchen Ruhe und Natürlichkeit: Sie verarbeitet Schurwolle auch ihrer eigenen Schafe zu besonderen Handarbeiten. Mit ihrem Mann Peter führt sie den Wikingerhort Oberhausen und zeigt Gästen bei Mittelaltermärkten die Tradition eines alten Handwerks.
Mitten in der Großstadt bietet Silvia Schnell ein Stückchen Ruhe und Natürlichkeit: Sie verarbeitet Schurwolle auch ihrer eigenen Schafe zu besonderen Handarbeiten. Mit ihrem Mann Peter führt sie den Wikingerhort Oberhausen und zeigt Gästen bei Mittelaltermärkten die Tradition eines alten Handwerks.
Foto: FUNKE Foto Services
Es begann als Hobby, heute ist es Berufung: Silvia Schnell verarbeitet Wolle mit alten Techniken. Sie vermittelt das Wissen; die Nachfrage steigt.

Oberhausen.. Schon die Wegbeschreibung mutet wie ein kleines Abenteuer an: Kurz hinter der Brücke fahre man rechts ran, halte nach einem etwas versteckten Schotterweg Ausschau, folge diesem Pfad. „Irgendwann sehen Sie das erste Schaf“, hatte Silvia Schnell am Telefon als Orientierung angegeben. Und tatsächlich steht bald darauf eine Moorschnucke vor einem. Nur kurz hebt sie den Blick, ohne aber ihre meditative Kaubewegung zu unterbrechen.

Es ist eine herrlich unaufgeregte Begrüßung am Tor einer außergewöhnlichen Einrichtung mitten in Oberhausen: einem Wikingerhort.

Vom Scheren des Schafes bis zum Färben der Wolle

Wie kriegerische Skandinavier kommen Silvia und ihr Ehemann Peter Schnell aber nicht daher. Fröhlich gestimmt sind sie vielmehr, er in Jeans, sie mit breitem Lächeln und rotem Kleid auf der Wiese bei Moorschnucke Gudrun. Der Name „Wikingerhort“ ist dennoch Programm: Vom Scheren des Schafes bis zum Färben der Wolle stellt Silvia Schnell Socken, Kopf- oder Oberbekleidung so her wie es einst schon die Wikinger gemacht haben. Ein wahres Schauspiel bei Mittelaltermärkten – und heute ein geschätztes Wissen für Großstädter, die die Natur wiederentdeckt haben. Ihre Wollsachen verkauft Silvia Schnell nun sogar im hippen „Kiez“-Kreativgeschäft am Theater.

Ausnahmsweise hat die 52-Jährige ihren Stand heute mal auf dem rund 5500 Quadratmeter großen Grundstück aufgestellt, auf dem sie neben Moorschnucke Gudrun zwei weitere Schafe sowie Schweine und sogar Geflügel hält. Auf dem Tisch liegt Wolle in unterschiedlichen Aggregatzuständen – fettig nach dem Scheren, sauber ins Spinnrad gedreht, mit Pflanzenstoffen bunt gefärbt. „Wir zeigen bei Märkten die einzelnen Arbeitsschritte“, sagt Schnell. Kinder können sich an der Handspindel ausprobieren oder beim Färben der Wolle zuschauen. „Das direkte Erleben hilft, damit das Wissen um diese alten Gewerke auch erhalten bleibt.“

Kind der 60er Jahre mit Strickwut

Als Hobby habe der Wikingerhort vor rund zehn Jahren seinen Anfang genommen. „Heute ist das meine Berufung“, sagt Schnell ohne Pathos. Als ihre Kinder größer wurden, habe sie mit ihnen Geschichte und im Besonderen das Mittelalter erkundet. Filme und Bücher stillten den ersten Wissensdurst. Bei Mittelaltermärkten ließen sie sich alte Gewerke erklären. „Irgendwann probiert man selbst was aus.“ Schnell interessierte sie sich fürs Verarbeiten von Wolle. „Ich bin ein Kind der 60er Jahre, da wurde viel gestrickt.“

Das Stricken, Häkeln und Filzen reichte ihr bald nicht mehr: Mit dem Fahrrad fuhr die Oberhausenerin los, sammelte Birkenblätter und übte sich im Färben. „Die Natur bietet so viele Farben, man muss nur wissen, in welcher Pflanze sie stecken.“ Gelb bietet die Goldrute; aus Färberknöterich gewinnt man Blau. Lange habe sie herumprobiert, wie etwa der Färbesud richtig zu kochen sei, erzählt Schnell. Ehemann Peter entwickelte sogar Hilfsmittel wie große Kessel zum Färben. Gemeinsam bereisten sie Märkte, um die ein Bekanntenkreis entstanden ist.

Was vor wenigen Jahren noch wie eine kuriose Nebenbeschäftigung gewirkt hätte, findet derzeit viel Nachfrage. Ihre Arbeit sprach sich herum. Heute bietet Silvia Schnell Kurse im Nadelbinden an, vertreibt Gewebtes und Gestricktes online. Weil die Wolle der eigenen Schafe längst nicht ausreicht, bezieht sie Materialien mittlerweile auch von Händlern am Niederrhein. Geachtet wird auf Haltungs- und Arbeitsbedingungen.

„Besonders junge Menschen interessieren sich wieder für Naturmaterialien“, sagt Schnell. Sie passen in eine Zeit, in der Handarbeitskurse und Magazine um Landleben und Selbermachen boomen. Wie Wolle allerdings zu pflegen ist, wüssten viele ihrer Kunden nicht mehr: „Man muss viel erklären. Aber das mache ich gern.“

EURE FAVORITEN

Weitere interessante Artikel