Oberhausener Gymnasial-Direktoren diskutieren Turboabi

Andrea Rickers
Sollten Schüler das Abitur nach neun oder acht Jahren machen? Die Diskussion ist wieder entbrannt.
Sollten Schüler das Abitur nach neun oder acht Jahren machen? Die Diskussion ist wieder entbrannt.
Foto: picture alliance / dpa
Das „Turbo-Abitur“ an Gymnasien ist wieder in die Schlagzeilen geraten. Die Redaktion fragte nach, was Direktoren an Oberhausener Gymnasien meinen.

Oberhausen. Der Streit ums so genannte „Turbo-Abitur“ ist in NRW wieder aufgeflammt. Lehrergewerkschaften und Elternverbände fordern, die Sekundarstufe I an Gymnasien wieder von fünf auf sechs Jahre zu verlängern. Die Leitungen der Oberhausener Gymnasien (drei von fünf haben sich auf Anfrage der Redaktion gemeldet) bewerten das G8, das Abitur nach acht Jahren, unterschiedlich (kritisch).

Ganz klar gegen eine Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren ist Rolf Winkler, Leiter des Heinrich-Heine-Gymnasiums. Das würde nur zu erneutem Chaos führen, ist der Direktor überzeugt, „Lehrpläne müssten komplett neu ‘umgestrickt’, wieder neue Schulbücher ‘gebastelt’ werden, auf die wir viel zu lange warten müssten. Heraus käme wieder ein Prozess von mehr als zehn weiteren Jahren der Verunsicherung.“

Basis ist der gebundene Ganztag

Eine Voraussetzung für das Gelingen von G8 ist nach Auffassung von Winkler aber der gebundene, also verpflichtende Ganztag am Gymnasium. Der habe die G8-Situation deutlich entspannt „und wird von Schülern und Eltern immer wieder gelobt“, erklärt der Heine-Schulleiter. Dadurch hätten die Schüler mehr Förder-AGs und mehr Unterstützung, mehr Zeit zum Fragen und Ausprobieren. Die Empfehlungen des „Runden Tischs“ zur Verbesserung der G8-Umsetzung habe das Heine umgesetzt: weniger Hausaufgaben, keine Hausaufgaben an Langtagen. Rolf Winkler appelliert: „Wir möchten ungestört von Querschüssen unsere Schule weiter ausbauen, mit G8 und mit dem gebundenen Ganztag.“

Die pädagogischen Argumente für G8 überzeugten nicht, meint dagegen Michael von Tettau, Direktor des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums. „Wie kann man ausgerechnet in der Sekundarstufe I, in der die Schülerinnen und Schüler einen ganz entscheidenden Entwicklungsschub durchmachen, ein ganzes Schuljahr klauen und dennoch von ihnen fordern, am Ende der Klasse neun das Niveau für den Oberstufenunterricht erreicht zu haben?“ Gleichzeitig nehme auch an Gymnasien die Verschiedenheit der Lerngruppen zu, Lehrer würden mit Problemen, die ursächlich mit familiären Konflikten zusammenhängen, konfrontiert. „Die Politik ignoriert diese Entwicklungen, die auch Gymnasien betreffen, total“, erklärt von Tettau.

Beratungsbedarf bei überforderten Schülern

Mehr Beratungsbedarf bei überforderten Schülern sieht auch Uwe Bleckmann, Leiter des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums. Inwieweit dies Folgen von G8 seien, ließe sich oftmals nicht eindeutig klären, veränderte Familienstrukturen oder die Bedeutung von sozialen Netzwerken kämen hinzu. Das „Freiherr“ habe deshalb aber beschlossen, eine Lehrerstelle umzuwidmen und die Einstellung eines Sozialpädagogen zu beantragen. Für dringend erforderlich hält die Schulkonferenz auch die Überarbeitung der Kernlehrpläne, ohne die eine hausinterne Entlastung an den Gymnasien nicht möglich sei.

Bertha-Direktor von Tettau weist auf das aus seiner Sicht eigentliche Motiv der Politik für die Verkürzung der Schulzeit hin: die Kürzung von Bildungsausgaben. Diesen Aspekt spricht auch Uwe Bleckmann an: „Ein Rückweg zu G9 stand bisher nicht als Möglichkeit zur Disposition, deshalb haben wir uns damit nicht eingehender beschäftigt. Ganz praktisch bedeutete dies aber den Neubau von Unterrichtsräumen in Größenordnung der Zügigkeit, bei uns also fünf Klassenräume, die neu geschaffen werden müssten“, so Bleckmann. „Der Übergang zu G8 hat hier seinerzeit massiv zur Entspannung der Raumnot beigetragen, somit war G8 an der Stelle sicher auch ein Sparmodell, ebenso wie bei der Lehrerversorgung. Ein Jahrgang mehr bedeutet eine Größenordnung von rund sieben bis acht Lehrerstellen mehr.“ Deshalb bräuchte eine Rückkehr zu G9 einen Vorlauf von fünf Jahren, um Raumkapazitäten zu schaffen und Lehrernachwuchs auszubilden.