Oberhausen erinnert an Völkermord

Hartmut Stanke in der Theater-Bar. Das Theater erinnert mit Franz Werfel an den 100. Jahrestag des Völkermordes in Anatolien.
Hartmut Stanke in der Theater-Bar. Das Theater erinnert mit Franz Werfel an den 100. Jahrestag des Völkermordes in Anatolien.
Foto: FUNKE Foto Services
100 Jahre nach den Morden in Anatolien gibt das Theater einen Armenien-Abend. Hartmut Stanke liest aus Franz Werfel „Die vierzig Tage des Musa Dagh“.

Oberhausen. Für Tilman Raabke, den Dramaturgen, schrieb Franz Werfel „einen der tollsten Romane des 20. Jahrhunderts“. Und Hartmut Stanke, der begnadete Vorleser im Ensemble des Theaters Oberhausen, hält mit seinem Kapitel aus „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, wie er sagt, „gegen die schwindende Bedeutung der Literatur im Theater“.

Am Donnerstag, 3. Dezember, um 20 Uhr öffnet die Theater-Bar zu einem Armenien-Abend mit Weltliteratur, Musik und den expressiven Reportage-Fotos von Andy Spyra. Im Frühsommer vor 100 Jahren begann jener Völkermord des osmanischen Heeres an den Armeniern, der in der Türkei bis heute nicht Völkermord heißen darf. Hartmut Stanke verweist auf Frankreich: Dort droht allen Strafverfolgung, die diesen ersten Genozid des 20. Jahrhunderts leugnen.

Appell an türkische „Waffenbrüder“

Franz Werfel (1890 bis 1945), den deutsch-jüdischen Schriftsteller aus Prag, verehren Armenier in aller Welt bis heute wie einen Staatsgründer: Sein Tausend-Seiten-Roman entriss ihr Schicksal der Vergessenheit. Während einer Orient-Reise war Werfel 1929 in Damaskus Überlebenden der Massaker begegnet. „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ erzählt vom verzweifelten Widerstand auf der Bergfestung gegen die übermächtigen Truppen des osmanischen Reiches – ein beängstigend prophetisches Buch. Denn „Musa Dagh“ wurde 28 Jahre nach den erzählten Ereignissen auch zu einer „Bibel“ der polnischen Ghetto-Kämpfer, die sich in Warschau 28 Tage gegen die SS behaupteten.

Aus dem an Figuren schier überbordenden Roman liest Hartmut Stanke von einem fiktiven Streitgespräch zwischen Enver Pascha, dem Kriegsminister des Sultans in Istanbul, und Johannes Lepsius: Der evangelische Pfarrer appellierte vergeblich an die türkischen „Waffenbrüder“ im Ersten Weltkrieg, die christlichen Armenier zu verschonen.

Der 72-jährige Hartmut Stanke hat sich als passionierter Vorleser schon viele Romane „zurecht gestrichen“, wie er sagt. Doch angesichts Franz Werfels monumentalem Roman sah er nur im großen Streitgespräch die Chance für eine kompakte einstündige Lesung. Den zweiten Teil des Abends gestaltet dann der junge Fotograf Andy Spyra mit seiner „Spurensuche“ zwischen Ararat und Van-See. Begleitet werden sie von den Musikern Mario Bierhoff, Yannik Rehr und Pascal Sielaff. Eingebettet ist diese Erinnerung an ein historisches Datum an die „Erzählungen der Schutzbefohlenen“.

 
 

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