Aufklärung gegen Sucht und Gewalt in Oberhausen

Kampfkunsttrainer Herbert Zimmermann demonstriert in der Turnhalle den Handgelenks-Kipphebel.
Kampfkunsttrainer Herbert Zimmermann demonstriert in der Turnhalle den Handgelenks-Kipphebel.
Foto: Fabian Strauch
  • Anonyme Alkoholiker berichten einer neunten Klasse über ihr Schicksal
  • Täuschend echt agierendes Jugendschöffengericht verhandelt über Handy-Abzocke
  • Kampfkunsttrainer zeigt, wie Frauen und Mädchen sich befreien können

Oberhausen/Schmachtendorf.  In einen Gerichtssaal hat sich der Raum verwandelt, in dem die Klasse 9f der Heinrich-Böll-Gesamtschule an diesem Vormittag zusammensitzt. Eine Suchtpräventionswoche steht für die Jahrgangsstufe neun auf dem Stundenplan. Der brutale Raubüberfall auf Schüler Max wird vor einem von Mitschülern gebildeten Jugendschöffengericht verhandelt.

Jessica Majchrzak von der Jugendgerichtshilfe des Jugendamtes führt hier Regie, hat alles so geordnet, dass die Szene täuschend echt wirkt. Das Jugendschöffengericht mit Schülerin Chelsea als Berufsrichterin und zwei Jungen als Schöffen sitzt mit dem Rücken zur Tafel. Am Fenster sind Sahim als Staatsanwalt sowie Joy und Jacqueline für die Jugendgerichtshilfe platziert. Ihnen gegenüber sitzen die beiden Übeltäter, Nico (17) und Lisa (16), mit ihren Verteidigern. Handy-Abzocke haben die beiden begangen und dabei wurde Max mit Fäusten und Fußtritten gefügig gemacht, auch als er schon am Boden lag. Ein Nasenbeinbruch war die Folge.

Das Gericht erweist sich am Ende als milde: Zwei Wochen Jugendarrest verhängt es über Nico, verdonnert ihn auch zu einem Anti-Aggressions-Training. Seine Freundin kommt mit 15 Sozialstunden und einem sozialen Kompetenztraining davon. „In Wirklichkeit hat der Täter sechs Monate auf Bewährung bekommen und 120 Sozialstunden“, berichtet die Sozialarbeiterin. Die „9f“ wirkt trotzdem beeindruckt, nachdem sie die Verhandlung zwei Schulstunden lag durchgespielt und miterlebt hat.

Im Klassenraum nebenan sind zwei Anonyme Alkoholiker, eine Frau und ein Mann, zu Gast. Auch ihnen ist große Aufmerksamkeit sicher, denn sie berichten anschaulich, wie sie süchtig geworden sind und was das mit ihnen gemacht hat, dass sie lebenslänglich der Versuchung widerstehen müssen, wieder Alkohol zu sich zu nehmen. „Ich wollte keine Trauer, keinen Schmerz, einfach nur vergessen“, berichtet die Frau vom Tod ihres Partners, nach dem sie wieder zur Flasche griff. Ihr Co-Referent vergleicht – für die Schüler sehr anschaulich - was für einen Süchtigen der Verzicht auf Alkohol bedeutet: „Rührt Ihr mal zwei Wochen Euer Smartphone nicht an!“

Selbstbewusstsein vermitteln

In der Turnhalle, mit der Klasse 9a, geht es um Kampfkunst und ihre positiven Effekte. Herbert Zimmermann, Sportlicher Leiter von Bujinkan Dojo Oberhausen, der Abteilung des Vereins Gesundheitssport Hüllen, die sich mit japanischer Kampfkunst befasst, demonstriert ein paar Griffe.

Mit dem Handgelenks-Kipphebel etwa können Geübte einen Angreifer selbst zu Boden bringen und unschädlich machen. Leichter anzuwenden ist der so genannte Daumenhebel, ein schmerzhafter Druck gegen den Daumen eines Gegners. Vor allem angegriffene Frauen und Mädchen können die kurze Schmerzreaktion des Täters dazu nutzen, um die Flucht zu ergreifen. Aber eigentlich ging es ja darum, den Jugendlichen deutlich zu machen, dass Kampfsport jemandem, der darin geübt ist, Selbstbewusstsein vermittelt, ein Respekt einflößendes Auftreten. „Die Täter suchen sich ja Opfer, keine Gegner.“ Opfer aber flößen ihnen keinen Respekt ein.

Als nützlicher Nebeneffekt sei man bei diesem Hobby so beschäftigt, dass man gar nicht auf die Idee komme, sich mit Suchtmitteln die Zeit zu vertreiben.

 
 

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