Mit Psycho-Pillen ruhig gestellt

Die Podiumsdiskussion am 2. Oberhausener Ärztetag zum Thema Demenz fand im Medikon Bildungszentrum statt.
Die Podiumsdiskussion am 2. Oberhausener Ärztetag zum Thema Demenz fand im Medikon Bildungszentrum statt.
Foto: WAZ FotoPool

Oberhausen.  Noch mehr Angst als vor Krebs und Herz-Problemen haben viele Menschen davor, dement zu werden, ihre Persönlichkeit zu verlieren, ohne dass jemand die Krankheit heilen kann. Die medizinischen, ethischen und praktischen Probleme von Patienten, Angehörigen, Medizinern und Pflegepersonal erörterten 100 Ärzte beim zweiten Oberhausener Ärztetag in der Medikon-Akademie.

Die rätselhafte Krankheit löst neben Erinnerungs- und Orientierungsverlusten auch Halluzinationen, Bewegungsdrang und Aggressionen aus. Wie man solche Patienten richtig behandelt, ist umstritten; in einigen Fällen herrscht auch Ratlosigkeit. Im seit fünf Jahren von der Stadt koordinierten „Netzwerk Demenz“ haben sich Fachgruppen zusammengeschlossen, um Mängel in der Behandlung dementer Kranker zu reduzieren.

Die Fachleute auf dem Podium, moderiert von WAZ-Redaktionsleiter Peter Szymaniak, gaben klar zu verstehen, dass die Versorgung vom Optimum noch weit entfernt ist. „Wir müssen schnell handeln, wir brauchen ein sicheres und tragfähiges soziales Netzwerk“, mahnt Schirmherr Oberbürgermeister Klaus Wehling in seinem Grußwort. „Viele wissen nicht, wie man richtig mit Dementen umgeht: Weist man sie in ihrer speziellen Welt zurecht oder lässt man sie in ihren Halluzinationen“, meint Holger Eichstaedt vom Netzwerk Demenz in der Debatte. Die Krankenhäuser seien nicht auf demente Patienten mit Fluchtdrang eingestellt. Die Frühdiagnostik sei mangelhaft, obwohl man mit Arzneien die Krankheit verzögern könne.

Das ist keine Therapie

Theodor Nienhaus, Chefarzt der Geriatrischen Klinik von St. Clemens, kritisiert, dass Ärzte aus Unkenntnis oder aus Sorge vor zu hohen Kosten die teuren Medikamente zu spät oder gar nicht verschrieben. Sein Kollege Xaver Sünkeler, Chefarzt der EKO-Geriatrie-Klinik, erhält Patienten aus Altenheimen, die mit „einem Wust an“ Nerven-dämpfenden Psychopharmaka in ihrem Bewegungsdrang ruhig gestellt worden seien: „Das ist keine Therapie, es reduziert nur die Koordinierungsfähigkeit und erhöht die Sturzgefahr.“

Diese These löste heftige Diskussionen bei den Medizinern auf dem Podium aus, bei denen am Ende nur klar wurde, dass keiner weiß, wie man mit orientierungslosen, teils aggressiven Kranken mit Fluchttendenz wirklich gut umgehen kann. Fixierungen ans Bett sind unter Fachleuten verpönt und rechtlich heikel. Viel zu wenig beachtet werden nach Beobachtung von Hilde Hartmann-Preis (Demenz-Servicezentrum NRW) die Nöte der pflegenden Angehörigen. Sie benötigten dringend Entlastungen: Gespräche, Profi-Pflege zu Hause und Kurzzeitpflege-Plätze für den Kranken in Heimen, damit der Partner sich mal erholen kann.

 
 

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