Jugendliche in Oberhausen werden immer öfter „abgezogen“

Andrea Rickers
Angst einflößen, bedrohen oder sogar Gewalt anwenden: Die jugendlichen Täter seien sich oft nicht bewusst, dass sie ein Verbrechen begehen, wenn sie auf diese Weise andere Jugendliche angehen. So die Erfahrung der Polizei.
Angst einflößen, bedrohen oder sogar Gewalt anwenden: Die jugendlichen Täter seien sich oft nicht bewusst, dass sie ein Verbrechen begehen, wenn sie auf diese Weise andere Jugendliche angehen. So die Erfahrung der Polizei.
Foto: Kai Kitschenberg
Es geht manchmal nur um ein paar Euro: Beim „Abziehen“ bedrohen Jugendliche ihre Altersgenossen, um ihnen Geld und Handys abzunehmen. In Oberhausen gab es zuletzt vermehrt solche Überfälle. Das Unrechtsbewusstsein der Täter fehlt. Das Opfer einer Truppe von „Abziehern“ berichtet.

Oberhausen. Es war am helllichten Tag an der Stoag-Haltestelle am Olga-Park. Sebastian (Name von der Redaktion geändert) wartete mit seinen Freunden auf den nächsten Bus, als sich plötzlich fünf Jugendliche im Halbkreis um sie aufbauten. Nach anfänglichem Hin und Her wurden die schnell sehr deutlich: Sie wollten Geld. Einer der Täter ohrfeigte Sebastian zweimal ziemlich hart, ein Euro – mehr hatte der 16-Jährige ausnahmsweise mal nicht in der Tasche – wechselte auf diese Weise den Besitzer, sein Freund musste vier Euro abgeben. Dann hauten die Täter ab, die Handys ihrer Opfer forderten sie in diesem Fall nicht ein.

Was die jugendlichen Täter so harmlos klingend „Abziehen“ nennen, ist ein Verbrechen, betonen die Beamten vom Jugendkommissariat bei der Oberhausener Polizei. „Das ist keine Bagatelle, sondern eine Straftat“, sagt Ermittler Michael Finke. Die Täter wüssten oft gar nicht, was sie da eigentlich verbrochen hätten, so die Erfahrung der Beamten. „Das macht doch jeder“ – eine Meinung, die in diesen Kreisen verbreitet sei. „Erschreckend“, sagt Michael Finke. Rund 100 solcher Delikte verzeichnet die polizeiliche Statistik in der Regel im Jahr, „nur“ 85 Fälle waren es 2013. Aber gerade in den vergangenen Wochen sowie rund um Karneval häuften sich die Anzeigen auf dem Schreibtisch von Michael Finke.

Höhere Strafe mit Waffe

Mal eben einem Jungen unter Androhung von Schlägen sein Handy wegzunehmen oder ihm zusammen mit anderen Angst einzuflößen und sein Kleingeld zu verlangen, das ist ganz klar ein Raubüberfall. Laut Gesetz seien die Täter mit einer Haftstrafe von mindestens einem Jahr zu bestrafen. Werde auch noch eine Waffe (Schlagstock, Messer) oder ein anderer gefährlicher Gegenstand (Schraubendreher) mitgeführt, erhöhe sich die Gefängnisstrafe auf mindestens drei Jahre. Dabei müsse die Waffe noch nicht einmal zum Einsatz gekommen sein. Wenn der Täter sie benutzt, „kann er sogar für fünf Jahre einfahren“, sagt Jürgen Richter, Leiter des Jugendkommissariats.

Zukunft verbaut

„Ich habe im Laufe vieler Dienstjahre schon einige Jungs und auch Mädchen gesehen, die sich mit solchen Taten ihre Zukunft verbaut haben“, sagt Richter, „im polizeilichen Führungszeugnis stehen dann möglicherweise entsprechende Eintragungen.“ Zu berücksichtigen sei aber, dass viele der Täter aufgrund ihres Alters noch unter das Jugendstrafrecht fielen, das mildere Strafen vorsieht.

„Viel schlimmer sind die teils gravierenden Folgen für die Opfer“, lenkt Richter den Blick auf Menschen wie Sebastian. „Ich habe mich hilflos gefühlt, wie ein Sklave, der gehorchen muss“, beschreibt der 16-jährige Schüler seine Gefühle, bei denen nicht nur Angst mitschwang, sondern auch Wut. Aber in der Situation tat er das Richtige, er wehrte sich nicht oder fing eine Schlägerei an. „Ich wusste ja nicht, ob der Typ noch ein Messer dabei hat, das konnte ich ja nicht einschätzen.“ Wenn er jetzt am Olga-Park vorbeifährt, „spüre ich so ein komisches Kribbeln“, sagt Sebastian über die Nachwirkung. Alleine will er nicht mehr unterwegs sein. Ihm ist so etwas zum ersten Mal passiert, aber Schulkollegen wurden auch schon Opfer von „Abzieherei“.

Teure Handys nicht zur Schau stellen

Immerhin mehr als jeder zweite Täter aller angezeigten Delikte wird in Oberhausen ermittelt. Besonders hilfreich sei eine schnelle Benachrichtigung der Polizei unter dem Notruf 110. „Bietet den Tätern keine Angriffsfläche“, rät Kriminaloberkommissar Michael Finke potenziellen Opfern. Teure Handys sollten deshalb nicht unnötig zur Schau gestellt werden. Brennpunkte für Abzieherei sind übrigens vor allem belebte Orte – da, wo sich viele Jugendliche aufhalten.