Jeder hat seine Wurzeln woanders

Dennis Vollmer
Der türkische Lebensmittelhändler an der Friedrich-Karl-Straße ist heute normal. Bis in die 60er Jahre durften Zuwanderer jedoch nicht selbstständig werden.
Der türkische Lebensmittelhändler an der Friedrich-Karl-Straße ist heute normal. Bis in die 60er Jahre durften Zuwanderer jedoch nicht selbstständig werden.
Foto: WAZ FotoPool

Oberhausen. Ohne Migranten gäbe es unsere Stadt nicht. Wer mit Historiker André Wilger in der City unterwegs ist, bekommt sein Weltbild womöglich in Unordnung gebracht. Doch vor rund 160 Jahren, als Oberhausen noch nicht gegründet war, lockten die Eisenwerke Zuwanderer aus Polen, den Niederlanden und Italien ins Stadtgebiet. Der Bahnhof bildete die „Geburtsstätte“ der Stadt. Den Haltepunkt, die Eisenwerke, die Siedlung – mehr gab es nicht.

Fast jeder Oberhausener hat einen Migrationshintergrund

Oberhausen wuchs also pluralistisch an und multikulturell auf: von – um 1850 herum – 2000 auf 200.000 Menschen in gerade einmal 50 Jahren. 1918 hatten 51 Prozent der Arbeiter auf der Zeche Vondern polnische Wurzeln, 27 Prozent waren es auf der Zeche Concordia.

Fast jeder Oberhausener hat einen Migrationshintergrund“, behauptet Wilger und deckt in seinen Stadtrundgängen die zum Teil verdeckten Spuren von Migranten wieder auf. Die Fakten legen seine Behauptung nahe: Auch nach dem zweiten Weltkrieg stieg die Zahl der Zuwanderer – die so genannten Gastarbeiter blieben nicht selten genauso, wie es die der ersten Stunde taten. Ende der 80er Jahre brachte der Mauerfall einen weiteren Schwung in die Stadt.

Heimat, Heimweh und Schnaps

Was trieb sie nach Oberhausen? Die einen suchten Arbeit, die anderen flohen vor politischen Unruhen. Mal entschieden sie sich freiwillig für die neue Heimat, mal steckte sie die Familie in den Zug – einfache Fahrt in eine hoffentlich bessere, aber ungewisse Zukunft. „DIE Geschichte der Migranten gibt es nicht“, gibt der Historiker zu bedenken, „jeder erlebt sie anders. Wir sprechen deshalb von Geschichten.“ Im Plural.

Manchmal entschied auch einfach nur die höhere Schnaps-Ration: Die Eisenwerke warben mit „billigem Fusel“. Aber auch mit Land. Die Arbeitersiedlung an der Gustavstraße hinter dem Zinkwalzwerk Altenberg ist in Wilgers Augen ein gutes Beispiel: Vier Familien mit bis zu acht Kindern wohnten in den Häusern auf 56 qm. Dank Kreuzgrundriss hatte jede ihren eigenen Eingang, und hinter dem Haus lockte eben auch der Garten mit der Möglichkeit zum eigenen Anbau. „Geistige Getränke“ waren früher übrigens in der Siedlung verboten – damit war jedoch nicht der Schnaps-Genuss, sondern das Verbreiten politischen Gedankenguts gemeint.

Heute dient der Garten den Bewohnern als Erholung, vor Anbau wird sogar gewarnt, denn die Zinkhütte brachte nicht nur Segen, sondern auch eine Menge Belastung für den Boden. In den 70er Jahren sollte die Siedlung sogar abgerissen werden, zum Glück verhinderten das Hausbesetzer. Ihnen ist es zu verdanken, dass die heutigen Schmuckstücke der Stadt gehören und unter Denkmalschutz stehen.

Das Verhältnis zwischen heutigen Migranten und Oberhausenern ist 40 zu 60, meint Bewohnerin Heike Sander.

Sports- und Strohmänner

Apropos: Natürlich haben auch Migranten Gemeinschaften gegründet. 1899 gehörte der polnisch-nationale Verein „Sokol“ dazu. Der Sport stand dabei wohl weniger im Vordergrund, nicht selten soll er zur Tarnung für den Ausschank jener „geistigen Getränke“ gedient haben, die in den Siedlungen verboten waren. So zumindest weiß es der Historiker.

Wer Migration in Oberhausen geballt sehen will, kommt an der Friedrich-Karl-Straße vorbei. Die scheinbare Selbstverständlichkeit von Gemüsehändlern und Restaurants täuscht allerdings darüber hinweg, wie schwer Zuwanderern das Geschäft gemacht wurde. Das heute geliebte italienische Eis wurde 1939 noch verboten mit der Begründung, es gäbe doch genug deutsches. Bis in die 1960er Jahre war Migranten die Selbstständigkeit nicht erlaubt. „Die Lösung“, so André Wilger, „war häufig: ein Strohmann“.