In Alstaden geht eine Ära zu Ende

Stephanie Weltmann
Foto: Kerstin Bögeholz / WAZ FotoPool
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Oberhausen. Wenn sich Marianne Vier etwas vornimmt, dann zieht sie das auch durch. Schreibt knappe Briefe in bestimmtem Ton, rechnet dem Stadtangestellten am Telefon hartnäckig seinen Fehler vor oder mietet sich auch schon einmal einen Wagen mit Lautsprecheranlage, um ihre Forderungen direkt vor dem Rathaus kund zu tun. Mit Marianne Vier ist dann nicht gut Kirschenessen.

28 Jahre hat sie sich als Vorsitzende des Alstadener Bürgerrings, mit über 750 Mitgliedern eine der größten Interessengemeinschaften Oberhausens, für ihren Stadtteil eingesetzt. Nun ist Schluss – „die Zeit ist reif für einen Wechsel“, sagt Vier. Bei der Bürgerring-Sitzung am 7. März, drei Tage vor ihrem 73. Geburtstag, gibt Marianne Vier ihren Vorsitz ab. Es ist nicht übertrieben zu sagen: In Alstaden endet eine Ära.

Über drei Jahrzehnte lang hat sich Vier auf so vielfältige Weise engagiert, dass ihr Name nahezu gleichgesetzt wird mit dem des Bürgerrings. „Rufen Sie Frau Vier an, die kann Ihnen da helfen.“ – „Marianne weiß das, geh mal zu ihr.“ So hallt das Klingeln des Telefons von der Küche ins Wohnzimmer, Nachbarn, Journalisten, Geschäftsleute warten mit ihren Fragen am anderen Ende der Leitung.

„Wenn mich jemand um Hilfe bittet, helfe ich ihm eben“, sagt Vier, als sie sich nach einem solchen Telefonat an den Tisch setzt. Immer wieder habe sie erfahren müssen: Der Einzelne werde nicht gehört, „als Gemeinschaft hast du eine Stimme“. Das habe ihr auch der Vater vorgelebt, ein Gewerkschafter aus Sterkrade. Die Kollegen nahm er oft zu sich nach Hause mit, bis spät in die Nacht diskutierten sie dann. 1956 begann Vier ihre Gewerkschaftsarbeit, für die IG Bau-Steine-Erden, später beim Landesbezirk des Deutschen Gewerkschaftsbunds.

1968 zog Vier mit ihrem Mann nach Alstaden. Er habe sie auch erstmals zur SPD-Sitzung mitgenommen, für die Marianne Vier 15 Jahre in der Bezirksvertretung Alt-Oberhausen mitdiskutierte. Ihren Sohn Elmar an der Hand hat Vier am Altmarkt die SPD beim Wahlkampf unterstützt, sich in Fördervereinen und Pflegschaften der Schulen ihrer Kinder engagiert. Vier war Beisitzerin in der Kammer für Wehrdienstverweigerer und ist bis heute ehrenamtliche Richterin am Verwaltungsgericht in Düsseldorf. Und dann ist da der Bürgerring.

Als Marianne Vier den Vorsitz 1984 übernahm – seit 1975 arbeitete sie im Vorstand – hatte sie nur zwei Ziele. Ein jährlich stattfindendes Fest wollte sie organisieren und von 1985 bis 1996 fanden die „Ruhrfeste“ mit Gästen wie Roy Black und Roland Kaiser auch statt. Heimatkunde wollte Vier fördern, veröffentlichte Bücher zur Geschichte Alstadens, schaffte Denkmäler mit Hilfe lokaler Firmen und Sponsoren heran, schrieb viermal im Jahr ein Faltblatt mit Informationen aus dem Stadtteil für Mitglieder.

Die größte Aufgabe war der Ring selbst: 9,61 Mark habe die Interessengemeinschaft in der Kasse gehabt, es habe keine Satzung gegeben, Vier musste die Mitglieder besuchen, um sicherzugehen, wer von ihnen überhaupt noch lebte. Nebenbei kämpfte sie mal gegen Fahrradständer und für eine bessere Verkehrsführung am Fröbelplatz, mal gegen Herumlungern an Bushaltestellen, für den Erhalt des Friedhofs, einen sauberen Ruhrpark, eckte an, etwa beim Reggae-Festival, stritt häufig mit der Presse. Zum 60. Geburtstag erhielt Vier die Ehrennadel der Stadt.

Die Alstadener dankten ihr den Einsatz, zur Goldenen Hochzeit sangen die Männerchöre, als ihr Mann schwer erkrankte, halfen ihr die Nachbarn. Um ihren Mann wolle sie sich nun kümmern, sich aus dem Ehrenamt zurückziehen. „Ich hinterlasse dem künftigen Vorstand ein gut bestelltes Haus mit 30 000 Euro.“ Auf ihre Unterstützung könne sich ihr Nachfolger verlassen: „Ich bin ja nicht weg.“