„Immer ein Fragender bleiben“

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Sven Christer Scholven (34) ist gerade zum Priester geweiht worden. Nach zwei Jahren in Oberhausen verlässt er nun die Stadt.

Oberhausen.. Er hat ein wenig geschwankt bei seiner Priesterweihe vergangenen Freitag im Essener Dom, musste sich kurz am Geländer festgehalten. Dafür gibt es eine logische Erklärung – das lange Knien, der Kreislauf.

Doch natürlich ist man geneigt, darin auch ein Zeichen zu sehen: der junge Geistliche, schwankend angesichts des neuen Lebens, für das er sich in diesem Moment unwiderruflich entscheidet. Sven Christer Scholven streitet diese Deutung nicht ab, er bietet sie selbst an. Zweifel gehörten dazu. „Ich werde immer ein sehr fragender Mensch bleiben.“

Nachwuchsmangel im Bistum

Scholven (34) ist einer von drei Priestern, die dieses Jahr im Bistum Essen geweiht wurden. 2013 wird es kein einziger sein. Das Ruhrbistum ist vom Priestermangel in Deutschland besonders betroffen. Viele der 294 Amtsträger sind in fortgeschrittenem Alter: Die Zahl der unter 60-Jährigen in ihrem Kreis wird bis 2030 von 220 auf 56 abnehmen. Nachwuchs gibt es kaum. Das Priesterseminar in Bochum, das auch Scholven besuchte, soll schließen.

Warum all das so ist, darüber kann der Neupriester nur mutmaßen. Er kann lediglich seine eigene Geschichte erzählen – keine, von der man sagen könnte, sie hätte geradewegs ins Priesteramt münden müssen. Zwar war der Glaube in seiner Familie präsent, aber „ich habe keine verbandskatholische Erziehung bekommen, war nie Messdiener oder Pfadfinder“. Als er seinen Eltern später erzählt, dass er ins Seminar geht, sind die „perplex, andererseits aber vielleicht gar nicht so überrascht. Eltern kennen ihre Kinder.“

"Es gibt Fragen, die gehen nicht mehr weg"

Scholven selbst brauchte länger, um den Wunsch in sich zu entdecken. Nach Abitur und Wehrdienst begann der Bochumer ein Jurastudium, bereitete sich schließlich aufs Erste Staatsexamen vor – eine anstrengende Zeit. Der Sonntag, das hatte er sich dabei um der seelischen Balance willen vorgenommen, sollte stets lernfrei sein. Eines Sonntagmorgens – das Wetter war gut, Ostern stand vor der Tür – wachte er in seiner Studentenwohnung auf und fragte sich, was mit diesem schönen Tag anzufangen sei. Er beschloss, sich den Gottesdienst in der nah gelegenen Kirche anzuhören.

„Das war nach langer Zeit ein schöner Erstkontakt.“ Aus dem einen Besuch in der lebendigen Gemeinde wurden viele weitere. Irgendwann stellte Scholven sich dem Pfarrer vor, man unterhielt sich oft und lange über Gott und die Welt. Bald sang Scholven im Kirchenchor, gab Kommunionsunterricht. Als der Pfarrer ihn fragte, ob er sich vorstellen könne, Priester zu werden, winkte der Jurastudent – noch immer mitten im Prüfungsstress – entgeistert ab. „Aber es gibt Fragen, die gehen nicht mehr weg.“

„Ich muss es ausprobieren“

Antworten suchte Scholven, das Examen inzwischen in der Tasche, in einem Kloster im Sauerland. Nach zehn Tagen dort war klar: „Ich mache bei Jura einen Schnitt und bewerbe mich im Priesterseminar. Ich muss es ausprobieren.“ Es folgten mehr als sieben Jahre Ausbildung – mit Vorbereitung in Freiburg, wo Scholven im Rahmen eines Sozialpraktikums mit Obdachlosen arbeitete, mit einer Pilgerreise durch Kleinasien, mit Theologiestudium in Bochum, Erfurt und dem belgischen Leuven.

Den letzten Teil des Wegs zum Priester ging Scholven als Diakon in der Oberhausener Herz Jesu-Gemeinde und damit auf einem schwierigen Pflaster. In der Innenstadtgemeinde ist die soziale Schieflage, in die die Revierstädte geraten sind, besonders spürbar – auch für Scholven, der erzählt, wie er bei Haussammlungen für die Caritas oft schnell begriff, dass er an mancher Tür nicht um eine Spende bitten, sondern besser die Broschüre zu den Hilfsangeboten da lassen sollte. Eindrücke, die ihn bestärkten. „Wir haben gerade in einer Stadt wie Oberhausen einen sehr konkreten Auftrag. Die tiefsten Einsichten habe ich von Leuten bekommen, die am Rand stehen.“

"Ich kann verstehen, dass viele frustriert sind"

Nun machte Scholven seine ersten Erfahrungen im Kirchendienst nicht nur an einem schwierigen Ort, sondern auch in schwieriger Zeit. Die Kritik an der Kirche – auch von Gläubigen – wird lauter, im Bistum hat sie zur Einrichtung eines „Dialogs“ in Form von Konferenzen und Gesprächsrunden geführt. „Ich kann verstehen, dass viele frustriert sind“, sagt Scholven, der das Geschehen mit gemischten Gefühlen sieht. Es sei ein Irrglaube, „dass man bestimmte Sachen abschaffen muss und dann geht es der Kirche wieder gut“. Dialog und Veränderung könne man nicht verordnen. „Kirche entwickelt sich im Kleinen jeden Tag.“

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