„Ich glaube, dass die 105 in Oberhausen kommt“

Peter Klunk in seinem Büro bei der Stoag. Den riesigen Wand-Quilt hat seine Frau in Handarbeit angefertigt.
Peter Klunk in seinem Büro bei der Stoag. Den riesigen Wand-Quilt hat seine Frau in Handarbeit angefertigt.
Foto: Funke Foto Services
Peter Klunk, Geschäftsführer der Stoag und Beigeordneter, geht in den Ruhestand. Dass die Bürger gegen die Straßenbahnlinie stimmten, schmerzt ihn.

Oberhausen.. 36 Jahre lang war Peter Klunk in verschiedenen Funktionen für die Stadt Oberhausen tätig, in dieser Woche hat er seinen letzten Arbeitstag. Dass die Linie 105 unter seiner Führung nicht gebaut wird, bedauert er noch immer. Redakteurin Denise Ludwig sprach mit dem Beigeordneten und Geschäftsführer der Stoag über Abschiedsschmerz und die Zukunft der Straßenbahnlinie 105.

Herr Klunk, am 29. Januar ist ihr letzter Arbeitstag bei der Stoag. Hätten Sie nicht noch länger arbeiten können?

Peter Klunk: Mein letzter Arbeitstag ist auch gleichzeitig mein Geburtstag. Ich werde an dem Tag 63. Und auch meine Wahlzeit als Beigeordneter endet an dem Tag.

Sie sind noch Beigeordneter, aber ohne eigenes Dezernat.

Klunk: Ja, ich bin sozusagen Leiharbeiter – ausgeliehen an die Stoag.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie in den Ruhestand?

Klunk: Mit gemischten Gefühlen. Die Dinge, die ich in Oberhausen getan habe, habe ich gerne getan. Ich habe immer Herzblut entwickelt. Wenn die Oberhausener im März 2015 beim Ratsbürgerentscheid für die Verlängerung der Linie 105 gestimmt hätten, hätte ich es mir mit dem Ruhestand noch einmal überlegt. Rein emotional wird mir das Aufhören nicht leicht fallen, aber ich hatte in den letzten Jahren gesundheitliche Probleme. Es ist der richtige Zeitpunkt.

Ihre Stelle als Geschäftsführer bei der Stoag wird nicht nachbesetzt?

Klunk: Wahrscheinlich wird es so sein. Die Entscheidung dazu ist im Rat der Stadt aber noch nicht gefallen.

Zurück zur Linie 105. Schmerzt es Sie noch, dass die Bürger sich gegen den Bau entschieden haben?

Klunk: Ja, es schmerzt mich sehr.

Warum?

Klunk: Weil ich und viele andere überzeugt davon waren, dass es eine gute Lösung für Oberhausen und die Region gewesen wäre. Das Ergebnis war zwar deutlich, aber eigentlich immer noch knapp, wenn man den Ausgang anderer Ratsbürgerentscheide oder Bürgerentscheide betrachtet. Wir sind mit unseren Argumenten nicht durchgedrungen, was, so glaube ich, mit dem Zeitpunkt zu tun hatte. Es ist schwierig in einer Stadt, die von Haushaltskonsolidierung geplagt ist, die Menschen zu überzeugen, einem solchen Großprojekt zuzustimmen. Man muss sich fragen: Ist ein Ratsbürgerentscheid der richtige Weg für ein Projekt mit derart überregionaler Bedeutung? Jetzt muss man sehen, ob sich ein neues Zeitfenster ergibt, wo man sich mit diesem Projekt noch mal beschäftigt. Wir haben zumindest die Bahntrasse planungsrechtlich gesichert.

Inwiefern?

Klunk: Das Planfeststellungsverfahren müssten wir neu initiieren, aber die Grundstücke sind gesichert, planungsrechtlich ist es in den entsprechenden Bauleitplänen verankert. Es war klar: Wenn die Stadt Oberhausen noch mal die Chance haben möchte, dieses Projekt zu realisieren, dann muss man zu dem Zeitpunkt, an dem der Landesentwicklungsplan fortgeschrieben wird, den Fuß in der Tür haben. Wir haben das Projekt angemeldet. Damit sind keine rechtlichen oder finanziellen Verpflichtungen verbunden.

Wie lautet Ihre Prognose: Kommt die 105?

Klunk: Langfristig betrachtet glaube ich, dass sie kommt. Sie müssen nur die Pendlerströme betrachten. Die Menschen, die hier wohnen, erfahren die Region immer mehr als Ganzes. Dabei aber stellen sie fest, dass – gerade was den ÖPNV anbelangt – Linien an den Stadtgrenzen enden, dass die Infrastruktur nicht weitergebaut wird. Irgendwann wird also der Druck wachsen, ein solches Projekt zu realisieren.

Muss das Projekt dann anders angegangen werden?

Klunk: Ja. Solche Projekte, die eine hohe regionale Bedeutung haben, dürfen nicht von einem Aufgabenträger abhängig sein. Da müsste zum Beispiel der VRR selber so ein Projekt realisieren - oder das Land Nordrhein-Westfalen. Denn es kann ja nicht sein, dass Projekte von so übergeordneter Bedeutung nur von den Interessenslagen in einer Stadt gesteuert werden.

„Ich sehe den VRR in der Pflicht“

Sollten die Nahverkehrsunternehmen enger zusammen rücken? Die CDU-Oberbürgermeister aus Essen, Thomas Kufen, und Oberhausen, Daniel Schranz, wollen das diskutieren.

Man muss sich fragen: Warum und wie sollte eine Kooperation stattfinden? Es gibt kein zweites Unternehmen wie die Stoag, das so viele Kooperationen ausübt. Zum Beispiel: Wir haben keine eigene Straßenbahn-Infrastruktur, also lassen wir sie von den Nachbarbetrieben in Mülheim warten. Wir haben keine eigene Buchhaltung, da kooperieren wir mit der Energieversorgung Oberhausen (EVO). Wir haben keine eigene Personalverwaltung, auch da kooperieren wir mit der EVO.

Also befürworten Sie keine weitere Kooperationen – zum Beispiel mit der Evag in Essen und der MVG in Mülheim?

Wenn man davon ausgeht, dass man den Nahverkehr über die Grenzen hinweg verbessern möchte, ist das ja gar kein Thema der Nahverkehrsunternehmen, sondern der Aufgabenträger. Die Stadt stellt einen Nahverkehrsplan auf und definiert, wie der Nahverkehr in Oberhausen aussieht. Wir als Unternehmen führen ihn aus. Es ist also in erster Linie die Frage: Wie kooperieren die Aufgabenträger miteinander? Da gibt es eine Menge Verbesserungsbedarf. Ich sehe auch den VRR in der Pflicht. Er müsste mehr als bisher seine Aufgaben wahrnehmen, die Nahverkehrspläne benachbarter Städte aufeinander abzustimmen, um das Angebot in der Region insgesamt zu verbessern.

Aber: Die Stoag verliert Fahrgäste...

Das ist richtig. Aber wir haben ja auch im Zuge der Haushaltskonsolidierung mehr als 20 Prozent unseres Leistungsvolumens eingekürzt. Und in derselben Zeit hat sich in Oberhausen die Einwohnerzahl nicht unerheblich verringert.

Was wir als Verkehrsunternehmen besonders deutlich spüren, ist der dramatische Rückgang der Schülerzahlen.

Wie können Sie diesen Trend aufhalten?

Mit dem Bau der Linie 105 hätten wir ihn sicher nicht nur abgemildert, sondern die Fahrgastzahlen wieder deutlich gesteigert. Gerade in Hinblick auf den Stellwerksbrand in Mülheim wäre eine solche Verbindung nach Essen von Vorteil. Der Rat der Stadt wird sich irgendwann noch mal die Frage stellen müssen, ob es eine Möglichkeit gibt, an der einen oder anderen Stelle den Nahverkehr nachzubessern, Takte zu erhöhen, um die Attraktivität des Nahverkehrs in Oberhausen wieder zu steigern. Wir versuchen aber auch mit eigenen Projekten Impulse zu setzen – wie zum Beispiel mit dem Vier-Stunden-Ticket.

Was sind die Zukunftsaufgaben für die Stoag?

Wir haben uns im vergangenen Jahr intensiv mit dem Thema Elektromobilität beschäftigt. Neben der Frage, wie man den Nahverkehr in Oberhausen verbessern kann, muss man darüber nachdenken, wie man einen umweltverträglichen Verkehr organisiert. Bis hin zu der Frage, ob die Stoag eine Art Mobilitätsplattform bieten kann, die Information, Buchung, Nutzung und Abrechnung von Mobilitätsangeboten – zum Beispiel Carsharing – umfasst.

Sind Sie mit Ihrer Arbeit in und für Oberhausen zufrieden?

Ich bin zufrieden. Es gibt ein paar Highlights, an denen ich mitgearbeitet habe, etwa am Projekt Neue Mitte. Aber schon vorher habe ich mich im Bereich der Entwässerung als einer der wenigen in NRW mit der Renaturierung von Fließgewässern beschäftigt. In den Anfängen dieser Stadt hat man die Fließgewässer nicht gewürdigt. In den 80er-Jahren haben wir uns mit dem Alsbach beschäftigt und ihn renaturiert. Das war ein Projekt, mit dem wir bundesweit Aufsehen erregt haben. Aber mein berufliches Highlight war der Bau der ÖPNV-Trasse quer durch Oberhausen von August 1994 bis Juni 1996. Keine zwei Jahre Bauzeit, zehn Kilometer Trasse, wo vorher überhaupt keine Straßenbahn-Infrastrukturen waren. Das war eine Herausforderung, eine tolle Leistung. Aber die habe ich natürlich nicht alleine vollbracht, da haben viele zu beigetragen. Das hat mich immer beeindruckt: Dass man viele Dinge im Baubereich nur machen kann, wenn man im Team und interdisziplinär arbeitet.

Der berufliche Werdegang

Am Anfang von Peter Klunks Arbeits-Biografie steht die Lehre als Bauzeichner. Anschließend studierte er Ingenieurwissenschaften in Essen, absolvierte eine Beamtenausbildung bei der Bundesbahn. Zuletzt arbeitete er dabei in Meschede. Seine Familie wollte allerdings nicht nach Meschede ziehen, also bewarb sich Klunk bei der Stadtverwaltung Oberhausen.

Am 1. Dezember 1980 begann Peter Klunk hier im Bereich Tiefbau, war später Leiter der Stadtentwässerung. Ab 1994 gehörte er der Projektgruppe Neue Mitte an. Im Jahr 2000 ist er Beigeordneter geworden, 2013 wechselte er als Geschäftsführer komplett zur Stoag, vorher übte er sein Amt bei der Stoag als Nebentätigkeit aus.

 
 

EURE FAVORITEN

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Beschreibung anzeigen