Geflohene erzählen im Schloss Oberhausen

Ralph Wilms
Wie Fundstücke, betont provisorisch mit Klebeband befestigt, versammelt die geschwungene Wand der Panoramagalerie zwischen Interview-Auszügen die Handy-Fotos von den Gruppentreffen – und dem früheren Leben in nun zerrissenen Familien.
Wie Fundstücke, betont provisorisch mit Klebeband befestigt, versammelt die geschwungene Wand der Panoramagalerie zwischen Interview-Auszügen die Handy-Fotos von den Gruppentreffen – und dem früheren Leben in nun zerrissenen Familien.
Foto: Funke Foto Services
Die Panoramagalerie des Schlosses präsentiert Porträt-Banner von Axel Scherer. Dazu zeigen 14 Sprachschüler der Ruhrwerkstatt ihre Handy-Bilder.

Oberhausen. Das kleine Foto an der geschwungenen Wand der Panoramagalerie zeigt noch ein Werk der inzwischen beendeten Cartoon-Ausstellung: Joscha Sauers Lemming baumelt mit verdrehten Augen aus dem Barockrahmen, Strick um den Hals. Im Profil sieht man einen der älteren Teilnehmer des Projekts „Space Wide Open“ – und kann seine Gedanken nur erahnen. Nicht lustig? Ganz bestimmt nicht lustig.

Großstädtisch-mondäne Stadtbilder

Die 14 jetzt auf großformatigen Foto-Bannern Porträtierten kamen aus Syrien und Irak und aus Ghana nach Oberhausen, zunächst in den Sprachkurs des Bildungswerkes der Ruhrwerkstatt – und dann „einmal die Treppe ’rauf“, wie Ralf Langnese erklärt – hinein in die städtische Malschule. Die 14 Mutigen wollten mehr, als nur ihre ersten Sätze auf Deutsch auszuprobieren. Axel Scherer, der Foto-Designer, nennt es „einen großen inneren Willen, etwas von sich zu zeigen“. Und wer in Worten einer neuen Sprache noch nicht gut erzählen kann, der erzählt in Bildern.

Betont provisorisch mit schlichtbraunem Klebeband sind die Handy-Fotos an der geschwungenen Wand der Panoramagalerie befestigt: Sie zeigen weniger die Bedrängnisse der Flucht über Balkan- (und Sahara-)Route. Sie zeigen die verlorene Heimat: großstädtisch-mondäne Stadtbilder, malerische Basar-Gassen, von denen man annehmen muss, dass sie jetzt in Schutt liegen. Natürlich sind Familienfotos dabei: Frauen und Kinder oder Geschwister blieben zurück, meist in der relativen Sicherheit des Libanon.

Der IS braucht Zahnärzte nicht nur zum Heilen

„Nach den hektischen Zeiten“, wie Axel Scherer sagt, sei es in der Malschule während der zehn Projekt-Wochen um ein „ruhiges Kennenlernen“ gegangen und dem Fotografen um „stille, einfache Porträts“. Schwarz-weiß wirken die Großformate umso eindringlicher. In der ehemaligen Salzmannschule in Styrum war stets ein „großer Tisch mit Packpapier bedeckt“, erzählt Ursula Bendorf-Depenbrock, die Schulleiterin, „gab es Kaffee und Kekse“. Dort entstanden auch jene vielsprachig deutsch-englisch-französisch-arabisch geführten Interviews, die sich in der Galerie auf I-Pods anhören lassen.

Die Studentinnen Eva Depenbrock und Linda Schmitz zeichneten die Gespräche auf; der 26-jährige Ahmed war als Übersetzer eine entscheidende Hilfe. Er wird in der Ausstellung auch Führungen in arabischer Sprache übernehmen. Der gleichaltrige Saif könnte sogar mit Russisch aushelfen, denn er hatte in der Ukraine Zahnmedizin studiert. Der junge Dentist kam aus dem Nordirak: „Ich bin vor dem IS geflohen, bevor sie mich finden“, so endet sein Statement an der Fotowand: „Der IS braucht Zahnärzte nicht nur zum Heilen.“

Blumen und ein zertretener Weg

Ein Maler und gleich mehrere Musiker zählen zur Gruppe, weiß Sabine Falkenbach von der Ludwiggalerie, auch ein Dichter sei dabei. Und der 24-jährige Samer mit seinem Faible für Botanik: In Oberhausen fotografierte er Vorgärten. Von der langen Balkanroute sind auf seinem Handy Blumen- und Pflanzen-Bilder gespeichert. Und eine Aufnahme zeigt einen Weg, an dem nichts mehr wächst, „weil so viele Menschen auf der Flucht dort lang gelaufen sind“.

Emad, ein christlicher Damaszener und mit 50 Jahren einer der Ältesten, macht deutlich, was er zurücklassen musste als einstiger Direktor in einem international tätigen Konzern: „Ich denke immer an die Familie. Die Zerstörung geht so schnell.“ Seine Frau, seine Tochter und die beiden Söhne blieben zurück in Syrien, „in einem etwas ruhigeren Gebiet“. Er will sie so schnell wie möglich in Sicherheit wissen.

Jeder der 14 lobt den Zufluchtsort, den die meisten im Herbst erreicht hatten. Der 37-jährige Mamon, ebenfalls aus Damaskus spürt auf der Straße „keinen Unterschied zwischen sich und den anderen“: Dann fühle er sich nicht wie ein Flüchtling.