Für Süddeutsche Zeitung ist Oberhausen ein erschöpfter Ort

Michael Bresgott
Die SZ über die Marktstraße: „Die Geschäfte sind im Dauerräumungsverkauf. Es ist nicht alles bio.“
Die SZ über die Marktstraße: „Die Geschäfte sind im Dauerräumungsverkauf. Es ist nicht alles bio.“
Foto: Funke Foto Services
  • Die Süddeutsche Zeitung widmet Oberhausen drei reich bebilderte Reportageseiten
  • Oberhausen sei ein „erschöpfter Ort“, das Revier eine Region, „vergessen vom Rest des Landes“
  • Lob gibt es auch: „Es ist eine ehrliche Stadt – vielleicht zu ehrlich für die große Liebe“

Oberhausen. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) widmet Oberhausen in ihrer jüngsten Samstagausgabe gleich drei komplette Reportage-Seiten unter der schönen, reviertypischen Fragestellung „Wat willste?“

Den SZ-Lesern von Flensburg bis Passau wird auf diesen drei Zeitungsseiten gleich zu Beginn eine Stadt vor Augen geführt, die seit Jahrzehnten mit jeder Menge Problemen zu kämpfen hat, denn schon in der Unterzeile zur „Wat willste?“-Überschrift heißt es: „Oberhausen ist ein erschöpfter Ort. Die Verschuldung ist noch höher als die Arbeitslosigkeit, Kohle und Stahl sind längst Geschichte.“

Facettenreiches Portrait von Oberhausen

SZ-Autor Bernd Dörries entwickelt ein facettenreiches Oberhausen-Porträt mit zahlreichen harschen, aber auch verständnisvollen Tönen. In Oberhausen lerne man eine Stadt, ja eine ganze Region kennen, „die manchmal nur da ist und nicht mehr so genau weiß, wozu“, formuliert Bernd Dörries, der diese Einstiegspassage mit einem Zitat des Ebertbad-Chefs und RWO-Vorsitzenden Hajo Sommers würzt: „Ich sehe die Lage hier nüchtern und mit dem bisschen Bildung, das ich habe, aussichtslos. Komplett aussichtslos.“

Einmal in Fahrt legt Sommers sogar noch einen drauf: „Schippe Sand über das ganze Ruhrgebiet und gut ist. Vielleicht einen Parkplatz von Düsseldorf daraus machen.“

SZ blickt mit Weltstadt-Blick auf Oberhausen

Sommers begleitet dieses Zitat, wir ahnen es bereits, allerdings mit einem unübersehbaren Grinsen, das der SZ-Autor erst einmal nicht so ganz zu deuten weiß. Bernd Dörries kommt dann aber zu einem Schluss, der Oberhausen alle Ehre macht: Oberhausen sei eben eine grundehrliche Stadt. Und seine Bürger spielten gerne mit einem Trick, mit dem „Erst-mal-alles-scheiße-Trick“, weil sie sich an blöde Fragen zu Strukturwandel und Dauerkrise in Oberhausen ja schon längst gewöhnt hätten.

Der Oberhausener stelle sich einfach über solche Klischees und Erwartungen und sage: „Hör ma, wer bist du denn? Denkste eigentlich, ich weiß nicht, wie scheiße das hier alles ist.“

Die SZ wäre nicht die SZ, wenn sie nicht mit einem gewissen Münchener Weltstadt-Blick auf Oberhausen (herab-)sehen würde: Die Süddeutsche skizziert das Porträt einer Stadt, die nach Jahrzehnten des Strukturwandels und trotz erfolgreicher Centro-Ansiedlung immer noch keinen plausiblen Zukunftsplan oder ein positives, bundesweit ausstrahlendes Image vorweisen können: „In Deutschland steht Oberhausen für eine triste Innenstadt und hohe Schulden.“

„Wahlkampf gegen den Filz“

Zugleich attestiert die Süddeutsche dem Centro internationale Anziehungskraft: Ein Viertel der 22 Millionen Besucher jährlich komme aus dem Ausland, davon die meisten aus den Niederlanden. „Wenn Weihnachtsmarkt ist, rollen bis zu 2000 Busse auf den Parkplatz“, staunt Autor Dörries, der auch den langjährigen Citymanager Franz-Josef Muckel zur Krise an der Marktstraße zitiert: „Das Centro hat gravierende Auswirkungen gehabt.“

Von der Tristesse des Bahnhofsvorplatzes bis zum Kneipenleben; von der leckeren Currywurst am Rande des RWO-Heimspiels bis zur überbordenden Ruhrgebiets-Nostalgie an allen Ecken und Orten der Stadt („Hier ist die Vergangenheit wie eine Soße, die zu jedem Gericht passt!“) – die SZ-Story zum Thema Oberhausen ist ein Lesestoff der wechselnden Tonlagen.

Was wäre wohl in Hamburg oder München los, „wenn eine offene Kloake durch die Stadt fließen würde“, fragt der Autor mit Blick auf die Emscher, die nun endlich vom Abwasser befreit werde: das größte Infrastrukturprojekt des Ruhrgebiets, nur eben leider alles unter der Erde. . .

Die SZ-Reportage, die auch eine Fülle Fotos von Mario Wezel liefert, vergisst übrigens nicht, dass es seit 2015 einen CDU-Oberbürgermeister in Oberhausen gibt. Daniel Schranz stehe nach einem „Wahlkampf gegen den Filz der SPD“ nun vor der Herausforderung, die SPD-geprägte Stadtverwaltung auf seine Seite zu ziehen.

„Willste noch’n Bier?“ - Testpassagen aus der Süddeutschen Zeitung 

„Vor dem Bahnhof ist an diesem Donnerstag eine ziemliche Sause im Gange, der Boden voller zerbrochener Flaschen, in den Büschen sich erbrechende Menschen. Die Stadtverwaltung hat zwar an den Bushaltestellen Hinweise aufgehängt, auf denen der Bahnhofsvorplatz gelb eingezeichnet ist. Gelb steht für totales Alkoholverbot. Doch in Oberhausen wurde der Hinweis bisher wohl eher missverstanden – als müsse man genau in diesen gelben Zonen trinken.“

„Sich in Oberhausen zu verlieben ist gar nicht so einfach. Am Anfang steht die Neugier auf etwas Exotisches, eine Art Mutprobe, sich mit etwas einzulassen, was durchaus gefährlich wirkt oder zumindest nicht berechenbar. Ein Donnerstagabend in der Innenstadt. Man läuft herum, schaut, was so im Kino gespielt wird, kommt mit anderen ins Gespräch, die auch so rumlaufen und mal schauen. Da ist Manuel, tätowiert, aber doch sehr zart, mit Hut und weitem T-Shirt.Wat machste hier? Warum redest du so wenig? Willste noch‘n Bier? Große Herzlichkeit.“

„Es gibt das großartige Ehepaar Maria und Czeslaw Golebiewski, die aus Polen nach Oberhausen gekommen sind und sich in zwei Häusern am Marktplatz ausgebreitet haben. Mit Kneipe, Restaurant, Theater, Hotel. Czeslaw Golebiewski ist früh morgens in einer Stimmung, die sonst nur spät nachts nach einigen Wodka entsteht. Umarmungen und Lebensweisheiten wechseln sich ab.“

„Ein erschöpfter Ort“? – Was sagen Sie dazu? 

In Oberhausen zu leben sei vielleicht „eines der letzten Abenteuer, die dieses Land noch hergibt“, schreibt die Süddeutsche Zeitung in ihrem Stadtpor­trät. In Oberhausen herrsche „eine andere Art des Umgangs“, manchmal rau und direkt, aber jeder dürfe so sein, wie er sein wolle. Mit Oberhausenern über ihre Stadt zu sprechen, sei eine interessante Erfahrung, „weil alle ihre Schwächen und Stärken so klar kennen“. Und: „Beleidigtsein ist nichts, was der Oberhausener im Repertoire hat.“

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation Oberhausens? Ist Oberhausen tatsächlich „ein erschöpfter Ort“, gelegen in einer Region, die nicht mehr so genau weiß, wozu sie eigentlich da ist, vergessen vom Rest des Landes, wie die Süddeutsche Zeitung formuliert?

Schicken Sie uns bitte Ihre persönliche Einschätzung bzw. Reaktion zum SZ-Städteporträt an die Mail-Adresse redaktion.oberhausen@waz.de oder rufen Sie uns an: Tel. 0208 - 85 906 43.