Flugblätter unter der Seife transportiert

Wenige Monate vor der Verhaftung im August 1934: Heinrich Jochem mit seiner Frau Else und den Kindern Karl-Heinz, Irmgard und Herbert.
Wenige Monate vor der Verhaftung im August 1934: Heinrich Jochem mit seiner Frau Else und den Kindern Karl-Heinz, Irmgard und Herbert.
Foto: privat
Oberhausen, wie es heute ist, haben wir auch Else und Heinrich Jochem zu verdanken. Heinrich Jochem wirkte als überzeugter Sozialdemokrat bis in die jüngere Vergangenheit in der Politik mit. Zur Zeit des Nationalsozialismus aber beteiligte sich das Ehepaar aktiv am Widerstand gegen Hitler.

Oberhausen, wie es heute ist, haben wir auch Else und Heinrich Jochem zu verdanken. Heinrich Jochem wirkte als überzeugter Sozialdemokraten bis in die jüngere Vergangenheit in der Politik mit. Zur Zeit des Nationalsozialismus aber beteiligte sich das Ehepaar aktiv am Widerstand gegen Hitler.

„Heinrich Jochem wurde im November 1934 verhaftet, weil er antifaschistische Schriften herausgebracht und Treffen mit Nazigegnern abgehalten hatte“, erläutert Klaus Oberschewen. Der Vorsitzende des Historischen Vereins Oberhausen-Ost will die Erinnerung an diese Widerstandskämpfer wachhalten.

„Nachdem Heinrich Jochem ins Konzentrationslager Börgermoor im Emsland gebracht worden war, hielt Else Jochem sich und ihre drei kleinen Kinder mit einem mobilen Seifenhandel über Wasser“, erzählt Oberschewen weiter. Durch illegale Fahrten nach Holland hielt sie den Kontakt zu dem SPD-Bergarbeitergewerkschafter Franz Vogt. Vogt wiederum arbeitete eng mit Wilhelm Knöchel von der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) zusammen, der die antifaschistische Zeitung „Der Friedenskämpfer“ über Venlo auch nach Oberhausen brachte.

Fraktionsvorsitzender im Rat

Oberschewen weiß: „Else Jochem ärgerte sich darüber, dass die deutschen Emigranten sich in Holland so stark anpassten – von einer umfassenden Widerstandsbewegungen war dort nichts zu spüren.“ Und so habe sie den Genossen auch stets energisch widersprochen, als diese die These verbreiteten, Hitler und die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) würden schon durch einen Massenaufstand beseitigt werden. „Die Masse wird nicht rebellisch, die duckt sich!“, habe sie erwidert. Und sie sollte recht behalten.

Doch Else Jochem selbst wollte nicht zugucken, sie wollte aufrütteln. Versteckt unter ihren Seifen transportierte sie aus Holland antifaschistische Flugblätter nach Oberhausen und verteilte sie. Anfang 1937 wurde sie im Polizeipräsidium Oberhausen von dem damals berüchtigten Gestapo-Schergen Litwinski (Gestapo = Geheime Staatspolizei) verhört. Sie überstand die Befragung, konnte nach dem Krieg das Präsidium aber nicht mehr betreten, ohne an ihre Ängste erinnert zu werden. Heinrich Jochem wurde nach dem Krieg Fraktionsvorsitzender der SPD im Rat der Stadt. Von 1947 bis 1966 war er als Landtagsabgeordneter tätig.

Der führende Kopf der Oberhausener SPD

„Wer über die Familie Jochem berichtet, kommt natürlich auch am Schicksal von Hermann Albertz nicht vorbei“, meint Klaus Oberschewen. Denn: „Albertz war der führende Kopf der Oberhausener SPD in den 14 Jahren der Weimarer Republik.“

Hermann Albertz war Fraktionsvorsitzender der SPD im Rat Oberhausen und preußischer Landtagsabgeordneter. „Kurz nach seinem rüden Rauswurf aus der Stadtverordnetenversammlung wurde er verhaftet, nach einigen Wochen aber wieder freigelassen“, hat Klaus Oberschewen recherchiert. 1937 wurde er wegen des Verdachts der Verteilung illegaler Schriften erneut verhaftet. „Aber nicht verurteilt“, erzählt Oberschewen weiter.

Berichte von Denunzianten

Bis dahin hatte Albertz stets Glück im Unglück gehabt. Das sollte sich jedoch nach dem Stauffenberg-Attentat gegen Hitler ändern. Im August 1944 wurde er verhaftet, kam zunächst ins Konzentrationslager Sachsenhausen, dann ins KZ Bergen-Belsen. „Dort kam er im April 1945 unter unbekannten Umständen schließlich ums Leben“, führt Oberschewen aus.

Wie gefährlich die Tätigkeit der Widerstandkämpfer war, zeigen laut Oberschewen etliche Denunzianten-Berichte. „Das ging in den frühen 30er Jahren los und wurde später nicht besser.“ So hatte etwa ein Kollege einen Bericht über Ludwig Eschbach verfasst, der im Oktober 1933 auch zur Entlassung des SPD-Mitgliedes und Verwaltungsangehörigen führte. Oberschewen zitiert aus diesem Bericht: „Beim Erheben der rechten Hand zum Hitlergruß meinte Eschbach: So hoch liegt die Scheiße in Deutschland. Uns allen würden noch mal die Augen aufgehen über Hitler und seine Leute. Es sei unglaublich, dass man Hitler überhaupt so hoch hätte kommen lassen, aber wir würden ja selbst in Kürze den Krampf einsehen.“ Oberschewen weiß: „Ein paar Monate später wäre Eschbach dafür hingerichtet worden.“

 
 

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