Florian kämpft für seine Zukunft

Der Unbeugsame:Florian Ziemer (Mitte) steckt voller Lebensmut. Seine Eltern, Reinhard und Heike Ziemer, unterstützen ihn, wo sie können.
Der Unbeugsame:Florian Ziemer (Mitte) steckt voller Lebensmut. Seine Eltern, Reinhard und Heike Ziemer, unterstützen ihn, wo sie können.
Foto: Fabian Strauch / FUNKE FotoServi
Der 22-jährige Oberhausener ist zu 100 Prozent schwerbehindert, aber er ist sich sicher:„Ich werde in einem Büro arbeiten“.

Oberhausen.. Menschen mit Behinderung im Beruf? Natürlich. Denn da schlummern Potenziale, wahre Schätze – wie Florian Ziemer. Der ist 22 Jahre alt, steckt voller Lebensmut und besitzt einen beeindruckenden Willen. „Was Florian will, das schafft er“, sagt seine Mutter. Zurzeit macht Florian eine berufsvorbereitende Maßnahme. Für ihn steht fest: „Wenn ich fertig bin, bekomme ich eine Anstellung in einem Büro.“

Florian wurde mit einer Speiseröhrenmissbildung geboren und lag die ersten sechs Monate seines Lebens auf der Intensivstation eines Herner Krankenhauses. Eine sensomotorische Integrationsstörung ist geblieben. „Er hat Probleme mit der Feinmotorik“, übersetzt Papa Reinhard Ziemer. Ein Beruf, bei dem Florian Maschinen bedienen muss, kommt also nicht in Frage. Garten- und Landschaftsbau ebenso wenig. „Er kommt mit den Gartengeräten nicht klar“, weiß Muter Heike Ziemer.

Talent auf der Bühne

An der Waldorfschule in Essen machte er seinen Förderschulabschluss. Und dort entdeckte er eines seiner großen Talente: „Die Kinder führten Theaterstücke auf – und Florian hatte die Texte ruck,zuck drauf“, erinnert sich Reinhard Ziemer. Übrigens nicht nur die eigenen, sondern die aller Mitspieler. Den CSU-Politiker Edmund Stoiber macht Florian gerne nach und auch ein paar Kabarettisten. Wege kann er sich besonders gut merken. „Besser als jedes Navigationsgerät“, sagt sein Vater.

Mit 14 Jahren hatte Florian es sich in den Kopf gesetzt, Klavier spielen zu lernen. Was ist daraus geworden? Florian lacht, setzt sich ans Klavier und spielt. Er liebt Klassik, aber auch Musicals. „Ich kann’s, trotz der Feinmotorik!“, sagt der triumphierende Blick, den er uns über die Schulter zuwirft.

Erfolge, die ins Wanken gerieten, als Florian vor vier Jahren aus der Schule kam. Ihm war so schlecht. „Ein Virus“, tippte der Kinderarzt. Doch als der Junge abends anfing zu krampfen, fuhren die Eltern mit ihm in die Uni-Klinik Essen – und retteten ihm dadurch das Leben. Ein Apfelsinen-großer Hirntumor machte sich bemerkbar. Neueinhalb Stunden operierten die Experten. Heike Ziemer begleitete ihren Sohn in die sechswöchige Reha. „Sein Kurzzeitgedächtnis war weg und er redete mich ständig mit dem Namen meiner Schwester an“, erinnert sie sich noch gut.

Das Leben nach dem Hirntumor

Doch Florian kämpfte. Laufen lernen, das Gedächtnis trainieren. Er gab nie auf, er klagte nie. Obwohl er heute sagt: „Das war eine schlimme Zeit.“ Ein Jahr, dann war Florian wieder der alte. Der Junge, der seinen Eltern in Briefen schrieb, wie dankbar er für ihre Unterstützung ist. Und der seinen Eltern Mut machte: „Gemeinsam schaffen wir das!“ Er sollte Recht behalten.

Heute spielt Florian wieder Klavier (nach Noten), er singt beim Integrationskreis Regenbogen, geht in Konzerte und pilgert zu den Spielen seines geliebten Fußballvereins Borussia Dortmund. Das für ihn Wichtigste aber ist im Moment die Maßnahme „Unterstützte Beschäftigung“, die er aktuell bei der Kurbel macht. Zuvor hat er bereits eine berufsvorbereitende Maßnahme bei der Deutschen Angestellten-Akademie absolviert – im Bereich Büroverwaltung.

In sieben Abteilungen der Stadtverwaltung hat Florian im Rahmen seiner Praktika schon Erfahrungen gesammelt. In der Abteilung für Baurechtsangelegenheiten hat es ihm am besten gefallen: „Weil ich schnell wusste, wo sich die einzelnen Akten befanden“, erzählt er stolz. In einem städtischen Büro als Hilfskraft zu arbeiten ist sein größter Wunsch. Ende Juli 2016 will er in seinem Beruf durchstarten. „Mir muss nur jemand eine Chance geben.“

 
 

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