Erinnerungen an die Anfänge der roten Meile

Die Bordellstraße in Oberhausen
Die Bordellstraße in Oberhausen
Foto: NRZ
Eine 74-jährige Oberhausenerin erinnert sich an die Anfangszeiten der Flaßhofstraße.

Oberhausen. Es ist ein bisschen wie bei den Matrjoschkas. Die Stadt Oberhausen ist eine Welt, in der mittendrin noch eine andere steckt. Eine, die vielen Menschen fremd ist. Die Häuser 17 bis 46 an der Flaßhofstraße sind ein eigener Kosmos. Seit 50 Jahren gibt es dort – banal ausgedrückt – Sex für Geld. Sehr viel lyrisch-eleganter hat der berühmte amerikanische Komponist und Liedtexter Cole Porter die Dienste der Prostituierten in dem Song „Love for sale“ besungen. Danach versprechen sicher auch die Damen an der Flaßhofstraße „Every love but true love. Love for sale.“ Also jede Art von Liebe, außer wahrer Liebe. Käufliche Liebe eben.

Maria (74) kennt eine Menge der Frauen, die in dieser Welt „Mädchen“ heißen. Sie arbeitet seit 37 Jahren als Hauswirtschafterin an der Flaßhofstraße. Der Familie H., die im Oberhausener Rotlichtviertel ein Haus besitzt, hält die energische 74-Jährige seit langem die Treue. Auch an diesem Morgen ist sie unruhig, während sie sich an die Anfänge dieses Kosmos erinnert. Denn an ihrer Stelle muss mal eben ihr Mann für die „Mädchen“ Pfannkuchen zum Mittagessen backen. „Was der da jetzt wohl macht“, sagt sie besorgt. Marias Leben hat das an der Flaßhofstraße früh gestreift. „Meine Schwiegermutter hatte ein großes Kohlengeschäft und hat auch die Flaßhofstraße beliefert.“ Die Zimmer hatten dort früher alle Kanonenöfchen, erklärt sie. Die 74-Jährige erzählt vom ersten Haus, das renoviert wurde – der Nummer 17. Das gehörte Albert M.

Kanonenöfchen in den Zimmern

„In der ersten Etage hat er selbst gewohnt“, erinnert sie sich. Alle übrigen Räume waren vermietet. Immer ein Zimmer für zwei Mädchen. „Es gab eine Tag- und eine Nachtschicht“. Dann kamen die Häuser 19 und 21 dazu, letzteres gehört immer noch einem Steuerberater, der es verpachtet hat. „Haus Nummer 25 war das Domizil vom Pariser Jupp. Er hat sich selbst so genannt, weil er mal Pariser in Clubs verkauft hat.“ Als Altbauten wurden auch noch Haus 27 sowie 29 renoviert. „Danach kamen neue Häuser dazu“, sagt Maria.

Sie denkt an so viele Ereignisse. Daran, wie mal die halbe Schalke-Mannschaft bei ihnen feierte. Oder an die Zuhälter, mit denen es schlimm war. „Früher hatten alle Frauen Zuhälter.“ Als einzigen Vorzug von denen nennt Maria deren verlässliches Eingreifen, wenn Freier randalierten. Sie erzählt vom „Baron“, dem Randalierer zur Strafe die Schlangenlederstiefel küssen mussten. „Heute ist der völlig verarmt“, weiß Maria von dem einst finanzkräftigen Luden. 65 sei er. Alt für einen Zuhälter. „Die wurden sonst nicht so alt, sie haben ja immer bis morgens gefeiert.“ Teure Autos, Urlaube und Glücksspiel, daraus bestand das Leben dieser Männer. „In den 80er Jahren kamen die Drogen dazu, da sind sie so nach und nach alle gestorben. Maria erzählt von Eddies Bar, wie Eddie ganz plötzlich starb. „Der Baron hat mich da noch angerufen.“ Er hat dafür gesorgt, dass Eddie gut beerdigt wurde. Die Hausbesitzer und Zuhälter spielten dann nach der Beerdigung im „Löwen“ Skat. „Anschließend sind sie zum Friedhof und haben etliche Kartenspiele auf Eddies Grab geworfen.“

Es gab sogar einen Dresscode

„Früher durften die Mädchen erst ab 21 Jahren arbeiten, verheiratete Frauen gar nicht.“ Weil Prostituierte polizeilich registriert wurden, flüchteten die nicht registrierten Frauen bei Razzien durch die Kellergänge. Die verbanden die Häuser.

Es gab sogar einen Dresscode. „Im Bikini im Fenster zu stehen, war verboten.“ Die Mädchen mussten vernünftig bekleidet sein. „Das hatte den Vorteil, dass sie für jedes Kleidungsstück, das sie auszogen, Geld nehmen konnten. Lachend erinnert sich Maria an eine Frau: „Die hat für jeden Strumpf Geld verlangt.“

Einschätzung der Polizei

Die Eigentümer und Betreiber der Häuser an der Flaßhofstraße wollen mit allen Bürger gemeinsam ein Sommerfest feiern, weil der Rotlichtbezirk 50 Jahre alt wird. Was sagt die Polizei dazu? „Wenn sich die Flaßhofstraße öffnen und aus der Schmuddelecke weg will, ist das aus polizeilicher Sicht okay“, erklärt Herbert Lenhart, Leiter des Kriminalkommissariates 11.

Lenharts Einschätzung der Situation der Frauen an der Flaßhofstraße: „Sie arbeiten hier auf eigene Rechnung, sie bezahlen lediglich die Miete für die Zimmer.“ Insofern seien sie ein Stück weit unabhängiger als in Clubs. Aber nach den Erfahrungen des Kommissariatsleiters, der seit 1985 in diesem Bereich arbeitet, sind die Frauen so unabhängig oft doch nicht. „Sie haben meistens Familien, denen sie ihr Geld schicken oder Männer, die von ihrem Geld leben.“ Diese parasitäre Form der Zuhälterei sei noch nie strafbar gewesen. Lenhart sagt: „Dass Frauen misshandelt und geschlagen werden, das hat sicher abgenommen.“ Dafür würde die wirtschaftliche Not vieler Frauen ausgenutzt. „Manche Frauen können nicht einmal lesen und schreiben und sprechen kein Deutsch.“

 
 

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