Die Polizei in NRW ist eine alternde Behörde

Allein der Abstieg von RWO bescherte der Oberhausener Polizei mehr Arbeit, weil es aus Düsseldorf keine Unterstützung mehr gibt. Foto: Gerd Wallhorn
Allein der Abstieg von RWO bescherte der Oberhausener Polizei mehr Arbeit, weil es aus Düsseldorf keine Unterstützung mehr gibt. Foto: Gerd Wallhorn
Foto: WAZ FotoPool
In beinahe allen Bereichen des Arbeitslebens sprechen Mitarbeiter von Arbeitsverdichtung und zunehmendem Stress. Das ist auch bei der Polizei in Oberhausen so. Gewerkschafter Volker Server schildert die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Arbeit in der Behörde.

Oberhausen. In beinahe allen Bereichen des Arbeitslebens sprechen Mitarbeiter von Arbeitsverdichtung und zunehmendem Stress. Wie sieht es bei der Polizei mit ihren 540 Beamten und Tarifbeschäftigten aus? Mit dem Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Oberhausen, Volker Serve (58), sprach WAZ-Redakteurin Andrea Micke.

Klagen auch in Ihrer Behörde Mitarbeiter über eine zu hohe Arbeitsbelastung?

Volker Serve: Natürlich gibt es Kollegen, die sich beschweren. Und auch wir stellen fest, dass psychische Erkrankungen zunehmen. Es gibt bei uns rund 120 Mitarbeiter, die ein irgendwie geartetes Handicap haben, denen zum Beispiel Atteste vorliegen, dass sie in bestimmten Bereichen nicht mehr arbeiten können.

Gibt es denn bei der Polizei bestimmte Bereiche, in denen die Belastung besonders groß ist?

Serve: So pauschal kann man das nicht sagen. In manchen Kommissariaten werden sehr viele Fälle bearbeitet. In anderen mit weniger Fallzahlen ist die psychische Belastung umso stärker. Zum Beispiel bei Kollegen, die gegen Kinderpornografie vorgehen.

Und wie sieht es mit Überstunden aus?

Serve: Wir haben zurzeit 20.000 Überstunden. Die Zahl ist relativ konstant. Wir hatten schon mal mehr.

Was passiert mit all den Überstunden?

Serve: Eine Vielzahl wird ausgezahlt.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat in diesem Jahr bereits als Reaktion auf den demografischen Wandel mehr Polizeibeamte als sonst eingestellt. Was bedeutet das jetzt für das Polizeipräsidium Oberhausen?

Serve: Die Zahl unserer Mitarbeiter hat sich nicht verändert. Es sind in etwa so viele Neue dazu gekommen wie Alte gegangen sind. Überhaupt muss man sich die Frage stellen, ob 1400 neue Mitarbeiter landesweit ausreichen, um den demografischen Wandel tatsächlich aufzufangen.

Sind 1400 also immer noch zu wenig? Sie sagen selbst, in den schwächsten Zeiten hätte es lediglich 600 Neueinstellungen für NRW gegeben.

Serve: Die Frage ist, ob die neuen Kollegen auf Dauer eingestellt wurden. Oder ob in den ersten fünf Jahren so viele abspringen, Prüfungen nicht bestehen, feststellen, dass der Beruf doch nichts für sie ist, in Teilzeit oder Mutterschutz gehen. Dann könnte es sein, dass man eigentlich 1600 einstellen müsste.

Wird die Oberhausener Polizei den demografischen Wandel besonders stark zu spüren bekommen?

Serve: Wir gehören vom Lebensalter eher zu den älteren Behörden des Landes. Die Mitarbeiter im Wach- und Wechseldienst sind recht jung. Aber von den übrigen werden in einigen Bereichen 30 bis 50 Prozent in den nächsten drei bis fünf Jahren in den Ruhestand gehen.

Das hört sich bedrohlich an. Wie wollen Sie darauf reagieren?

Serve: Wie sich der demografische Wandel auf unsere Behörde auswirkt, haben wir bereits ermittelt. Jetzt ist eine Arbeitsgruppe damit beschäftigt, basierend auf diesen Erkenntnissen festzuhalten, was für Mitarbeiter wir haben, was sie können und wie man sie gegebenenfalls anders einsetzen könnte.

Es gibt auch ein Gesundheitsmanagement, um Mitarbeiter möglichst lange fit zu halten.

Serve: Ja, und das ist wirklich gut. Doch das, was in den letzten 20 oder 30 Jahren falsch gelaufen ist und was wir jetzt zu spüren bekommen, kann man damit nicht auffangen. Die Probleme werden sich verschärfen.

Wie hoch ist der Krankenstand bei der Polizei?

Serve: In Oberhausen ist er mit sieben Prozent relativ gering. Das liegt daran, das die Leute entsprechend ihren Fähigkeiten eingesetzt werden. Ein Beispiel: Wenn ein Mitarbeiter ein Problem mit dem Streifendienst hat, mit dem ständigen Rein in den Wagen und Raus aus dem Wagen, dann prüfen wir, ob eine Reha Abhilfe schaffen könnte. Bringt das nichts, suchen wir nach anderen Einsatzmöglichkeiten für den Betreffenden.

Aber die Anforderungen an die Polizeibeamten werden doch grundsätzlich immer größer?

Serve: Ja, weil sich die Gesellschaft verändert hat. Und gesellschaftliche Veränderungen treffen die Polizei immer unmittelbar.

Warum nimmt die Arbeitsbelastung immer mehr zu?

Serve: Für die Arbeitsverdichtung sind viele Faktoren verantwortlich. Zum Beispiel der Abstieg von RWO. Wo uns früher ein Zug mit 30 Leuten von Düsseldorf gestellt wurde, müssen wir die Leute heute aus den eigenen Reihen stellen. Dann gibt es eine neue Gesetzgebung zur häuslichen Gewalt, die mit Mehrarbeit verbunden ist, ohne dass wir mehr Personal bekommen hätten.

Die Stichworte Mutterschutz und Teilzeit sind gefallen. In Oberhausen arbeiten im Vergleich zu den übrigen Behörden wenig Frauen.

Serve: Ein höherer Anteil an Kolleginnen täte uns gut. Männer und Frauen denken unterschiedlich, so dass wir mit mehr Frauen eine erweiterte Entscheidungsbreite hätten. Außerdem ist die Qualität des Grundwissens bei Frauen, die sich bei uns bewerben, besser als bei Männern. Aber: Viele Frauen werden zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr schwanger. Genau in der Zeit, in der sie hier auf den Dienstgruppen arbeiten. Und wir haben keinen Ausgleich dafür. Da ist die Politik gefordert.

 
 

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