Der Spion aus Oberhausen, der die Kunst liebte

Ingo Mersmann im Gespräch mit der WAZ-Redaktion.
Ingo Mersmann im Gespräch mit der WAZ-Redaktion.
Foto: Gerd Wallhorn
Ingo Mersmann hat die Ausstellung Top Secret im Oberhausener Spionage-Museum mitgestaltet. Jetzt führt er die Schau in Eigenregie. Wer ist der Mann hinter den Kulissen?

Oberhausen. Seit Januar hat die Spionage-Ausstellung einen neuen Besitzer: Ingo Mersmann. Der ehemalige Kunsthändler war mitverantwortlich für die Konzeption, will aber nun neue Wege gehen, aktueller sein. Über die Zukunft und seine spannende Vergangenheit als Spion sprach er mit Dennis Vollmer.

Herr Mersmann, stört es Sie, wenn ich das Gespräch mit meinem Smartphone mitschneide?

Ingo Mersmann: Nein. Aber wissen Sie, dass alle Fotos ihrer Kamera automatisch beim Verfassungsschutz landen? Sie werden dort verortet und Personen auf Fotos werden identifiziert.

Wenn mein Speicher crasht, kann ich dort nach einem Backup fragen? Im Ernst: Das Smartphone hat uns zu Spionen gemacht, es gibt Fotos aus Toiletten und Umkleiden ...

Mersmann: Ja. Ich höre in der Ausstellung immer wieder: ,Irgendwann sind wir total überwacht’. Aber das ,irgendwann’ ist schon seit zehn Jahren der Fall. Unsere Autos sammeln Daten, wie schnell gefahren, wann gebremst wird. Unsere Fernseher können erkennen, wie viele Menschen im Wohnzimmer gerade eine Sendung schauen.

Schauen Sie mal, was fünf Minuten Google-Suche über Sie aussagt: Geboren in Bielefeld am 27.3.1954, Facharbeiter Mechaniker, Historiker, Kunst­händler, Ausbildungshelfer im Oberhausener Jobcenter, Pirat seit September 2011 ...

Mersmann: Pirat bin ich nicht mehr.

Stimmt, Sie kandidieren für BOB, haben im Theater Oberhausen mit Schorsch Kamerun gespielt, sind aber für eine Kürzung des Kulturetats, verheiratet, drei Kinder – zwei Söhne, eine Tochter – ihre private E-Mail und Mobilnummer lauten ... Soll ich weitermachen?

Mersmann: Machen Sie ruhig weiter.

Wieviel Öffentlichkeit ist denn noch erträglich?

Mersmann: Ich glaube, privat ist heute nicht mehr privat. Was Sie herausgefunden haben, kann jeder andere auch, das stört mich nicht. Es gibt aber Dinge, die nicht in die Öffentlichkeit sollen, da muss man aufpassen, kann es aber nicht verhindern. Wenn die Piraten zum Landesparteitag fotografieren, kriegen Sie das nicht mit. Das wird ins Netz gestellt. Zack – ist man drin. Kontrolle hat man darüber nicht, aber das Interesse ist auch häufig bei Bürgern nicht da. Der Umgang mit elektronischen Medien ist selbstverständlich geworden.

Sie haben Top Secret übernommen, obwohl zu wenig Besucher kamen. Wie wollen Sie das ändern?

Mersmann: Die Ausstellung kommt gut an, aber man hat bisher nicht schnell genug auf aktuelle Ereignisse wie die NSA-Affäre und Al Kaida reagiert. Wir wollen solche Dinge aufgreifen, aktueller werden. Man hat auch nicht richtig verstanden, dass Ausstellungen anders funktionieren müssen als Musicals. Wenn ich Menschen anlocken möchte, muss ich schon im Eingangsbereich zeigen, was man drinnen sehen kann. Drittens wollen wir auch informieren, wie man sich vor Spionage auf dem Handy und im Internet schützen kann. Wir wollen so den Spagat schaffen zwischen einer Ausstellung mit einem Thema für Erwachsene, das aber die ganze Familie anspricht und keine Schrecken erzeugt.

Sie gelten als Experte mit engen Kontakten zum Geheimdienst.

Mersmann: Ich war mit 16 Jahren der jüngste Kunsthändler in Deutschland und hatte in Bielefeld eine Galerie. Ich wurde, als ich schon älter war, von jemandem angesprochen, der fragte, ob ich meine Sammlung um deutsche Expressionisten ausbauen wolle. Die Aussicht war natürlich toll, Kirchner und Nolde im Original handeln zu können. ,Ich kann Sie da unterstützen, damit Sie an solche Werke rankommen’, sagte man mir. Die Sache hatte aber eine Bedingung...

Welche Bedingungen waren das?

Mersmann: Der Mann war vom Geheimdienst. In späteren Gesprächen stellte sich heraus, dass jemand gebraucht wurde, der sich mit der Kunst des 20. Jahrhunderts und gleichzeitig in vielen Ländern auskannte. Denn in Südamerika gab es einen Drogenhändler, der nach Europa lieferte und sich für deutsche Expressionisten interessierte. An den wollte man ran. Die Bilder wurden dann zusammengekauft. Man unterstützte mich dabei finanziell.

Wie kamen Sie dann an den Mann ran?

Mersmann: Ich habe mit den Werken internationale Messen besucht als eine Art ,vertrauensbildende Maßnahme’. Erst nach zwei Jahren schaute er überhaupt zu mir rein und wollte ein Bild von Otto Müller kaufen. In den alten Keilrahmen baute man eine Abhöranlage ein. Ich habe das Bild persönlich nach Südamerika ausgeliefert.

Hatten Sie keine Angst aufzufliegen?

Mersmann: Doch, das war mit Angst verbunden. Mich hat erstaunt, dass ich am Eingang zum Haus nicht von einem Detektor abgetastet wurde. Dann hätte man mich enttarnt. So aber hing das Bild in seinem Büro, und der Geheimdienst erfuhr, wie der Mann den Handel nach Europa organisierte.

Gab es noch weitere Aufträge?

Mersmann: Ja, aber darüber kann ich heute noch nicht sprechen.