Der kindliche Inquisitor am Küchentisch

Der junge Foxfinder (Moritz Peschke) vergisst seine mönchische Erziehung – eine Fast-Liebesszene in Parka und Gummistiefeln mit Lise Wolle als Judith Covey.
Der junge Foxfinder (Moritz Peschke) vergisst seine mönchische Erziehung – eine Fast-Liebesszene in Parka und Gummistiefeln mit Lise Wolle als Judith Covey.
Foto: Laura Nickel
  • Dawn King schuf mit ihrem Drama „Foxfinder“ eine dunkle Utopie mit Märchen-Klang
  • Vor allem junge Erwachsene sahen die Premiere des Kammerspiels im Malersaal
  • Auf karger Bühne und mit knapper Sprache drängt die Handlung in ein beunruhigendes Finale

Englische Winter sind kein Vergnügen. Sturm und Regen, abgelöst von Regen und Sturm. Und die britische Nordseeküste gilt inzwischen als akut gefährdet durch kilometerlange Abbrüche an den Klippen. Durchnässt von einem derartigen Winter in der alles andere als Pilcher’esken „Countryside“ ihrer Heimat erfand Dawn King die Dystopie ihres „Foxfinder“.

Im Malersaal des Theaters Oberhausen tobt zwar kein Wintersturm – aber dem Dauerregen draußen entspricht das Bühnenbild von Anne Manss: Als wäre sie ein Floß, ragt die bäuerliche Stube der Eheleute Covey aus knöchelhohem Wasser. Lise Wolle und Eike Weinreich als Judith und Samuel Covey zeigen sich wortkarg, angespannt, ein wenig verhärmt schon in jungen Jahren.

Ein „Foxfinder“ ist unterwegs zu ihrem Hof. Ihrem Publikum verordnen Dawn King und ihr Oberhausener Regisseur Martin Kindervater eine eigenwillige Synthese aus politischer Parabel und archaischen Märchen-Motiven. „Füchse sind schlau“, ist ein leitmotivischer Satz dieses in typisch knappen Sätzen seine Spannung steigernden Dramas. Füchse sind in diesem „Foxfinder“-England weit mehr als jene kleinen Raubtiere, die allgegenwärtig bis in die Städte vordringen und Mülltüten aufreißen.

Die Dämonen einer klammen Welt

Die Füchse dieser klammen Winter-Welt sind dämonische Wesen, deren Gegenwart die Ernte verdirbt, Krankheiten auslöst – oder sogar Bestien, die Kinder töten, wie es der Foxfinder im Fall des kleinen Covey-Sohnes vermutet.

Dabei wirkt Moritz Peschke in der Rolle des 19-jährigen „Foxfinder“ William Bloor selbst wie ein halbes Kind – ausgestattet mit beängstigender Autorität. Steif spult er seine Fragen ab, mit denen er schließlich selbst im Eheleben seiner Gastgeber stochert. Steif lehnt er das Glas Apfelwein zum Essen ab. Steif und eckig die Haltung dieses in quasi-klösterlicher Isolation aufgezogenen Jung-Inquisitors.

So lächerlich wie beängstigend

Eine lächerliche Figur? Gerade das lächerlich Lebensferne dieses William Bloor – den wohl niemand wagen würde „Billy“ zu nennen – ist auch das Beängstigende: Aus bemüht-freundlichen Gesprächen werden mit jeder rhetorischen Drehung qualvoller geschraubte Verhöre. Dawn King und ihre Übersetzerin Anne Rabe kommen dem Ton in einem Regime beängstigend nahe, von dem man vermuten muss: Die patriarchalische Strenge meint eigentlich blanken Terror. Denn plötzlich ist auch von „den Fabriken“ die Rede, in denen kaum jemand drei Jahre überlebt.

Die Nachbarin Sarah (Angela Falkenhan) repräsentiert in diesem kargen, aber hochdramatischen Kammerspiel den Aufbruch aus Verzweiflung: Erst verrät sie voller Angst die Coveys, dann drängt sie das Paar zur gemeinsamen Flucht. Doch dies ist nicht das Finale des knapp 110-minütigen Wasserspiels. Denn der fanatisierte „Foxfinder“ wirkt immer ungläubiger – und der bewaffnete Bauer immer entschlossener, die „Bestie“, die nie jemand gesehen hat, zur Strecke zu bringen: „Füchse sind schlau.“

Der doppelbödige Schluss macht das dunkle Foxfinder- England kein bisschen heller.

Die dunkle Gegenwelt der zuversichtlichen „Utopia“

Dystopien erzählen von einer schlechten Zukunft – und sind somit das Gegenteil jener Ur-Utopie von Thomas Morus, dessen „Utopia“ eine bessere Welt entwarf. Als früheste der bis heute bekannten Dystopien gilt H. G. Wells’ „Zeitmaschine“. Utopische Welten im eigentlichen, zuversichtlichen Sinne des 500 Jahre alten Morus-Werkes sind in der fantastischen Literatur weit seltener als die dunkleren Dystopien.


Weitere Aufführungen von „Foxfinder“ folgen im November am Donnerstag, 17., Samstag, 26., und Mittwoch, 30., im Malersaal. Karten zu 5 Euro und 14 Euro unter 0208 - 85 78 184.

 
 

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