Der Gasometer bekommt Konkurrenz

Winzig wirken Architektin Agnieszka Wnuczak, Multi-Talent Christoph Stark und Restaurator Guido Schulz  am Fuße der riesigen Wasserbehälter.
Winzig wirken Architektin Agnieszka Wnuczak, Multi-Talent Christoph Stark und Restaurator Guido Schulz am Fuße der riesigen Wasserbehälter.
Foto: WAZ FotoPool
der Verein „Kunst im Turm“ verwandelt den Wasserturm am Oberhausener Hauptbahnhof in ein Kreativ-Quartier. Das Ziel: Besucher staunen über die riesigen Behälter und genießen die Aussicht.

Oberhausen.. Eine Stadt muss Geschichten erzählen, über ihre Baukunst und ihre Kultur. Dafür ist es wichtig, interessante Gebäude in den Fokus zu rücken. Zum Beispiel den Wasserturm am Oberhausener Hauptbahnhof. „Er bringt einen zur Stadtgeschichte“, sagt Agnieszka Wnuczak, Architektin und Vorstandsmitglied von „kitev“, dem Verein Kunst im Turm. „Er ist eine Landmarke und ein Turm, dem man seine Funktion nicht ansieht.“

„Ein Stück fantastische Architektur, bundesweit einmalig“, ergänzt Christoph Stark, der ebenfalls „kitev“-Gründungsmitglied ist. In Sachen Bahnhofssanierung und Erhalt von Eisenbahngeschichte sind beide seit 2005 in Oberhausen unterwegs, als ihr Team den Zuschlag bekam, das Projekt Museumsbahnhof des LVR-Industriemuseums zu realisieren. „Sich zusammentun und etwas bewegen“, ist ihr Motto. Und: „Es gibt viel zu tun im Ruhrgebiet, es braucht mutige Leute, die es angehen.“

Schon viel bewegt

Sie haben bereits bewegt: Der Bahnsteig ist bespielbar und attraktiv, die Bahnhofsuhren strahlen und funktionieren, Videobotschaften können aus den Turmfenstern gesendet werden. Der Turm war im Kulturhauptstadtjahr ein Kreativquartier, als Leute aus Holland ihr „Gast-Gastspiel“ gaben. Das Taschenkino der Berliner Studenten, die sich, von Stark angeregt, rund um den Bahnhof produzierten, ist längst bewegliches Kurzfilmtage-Utensil. „McDomus“, vor der Galerie Ludwig aufgestellt, ist als riesige Skulptur im Schlosshof ein Hingucker und Wegweiser zur Ausstellung „At Home. Blick durchs Schlüsselloch. Wohnen im Revier“.

Warum sind Berliner so umtriebig hier? „Die Frage akzeptiere ich nicht mehr“, sagt Stark. „Man muss ganzheitlich denken.“ Ganzheitlich über Stadtgrenzen hinaus und groß.

Nicht weniger haben sie sich vorgenommen, als dass aus dem schwer sanierungsbedürftigen Turminneren einmal ein Schmuckstück wird, das dazu reizt, es zu besichtigen, gleichzeitig kreativen Menschen Raum zu künstlerischer Betätigung und zum Austausch sowie zur Entwicklung neuer Ideen bietet.

Erfolge sind schon sichtbar

Ein Vorhaben, das 2009 das Ministerium für Städtebau des Landes NRW überzeugte, das das Programm „Initiative ergreifen“ aufgelegt hatte. „Wir sind gleich in der ersten Runde durchgekommen mit unserem Konzept“, sagt Stark. „Man musste sich qualifizieren mit Statik, Brandschutz, Business-Plan, Genehmigungen. Die Oberhausener Verwaltung hat auch Wege gefunden, Dinge zu ermöglichen. Das Eisenbahnbundesamt wird uns den Turm 20 Jahre lang kostenlos zur Verfügung stellen.“

Und siehe da: Erfolge sind sichtbar. Wer die Etagen drei, vier und fünf betritt, stellt erstaunt fest: Hier wachsen Räume, die den Charme der Vergangenheit nicht leugnen, aber trotzdem technisch auf modernstem Stand sein werden. Dem Denkmalschutz entsprechend, wurden neue Holzfenster dort installiert, wo es nicht möglich war, die alten zu reparieren. Die Fenstersanierung ist noch in vollem Gange. Unzählige Leitungen wurden neu verlegt, Betonböden gegossen, Wände repariert. „200 Tonnen Material wurde bewegt, um die heruntergekommenen Schlafkabinen für die Lokführer zu entfernen“, sagt Stark. „Sie können sich nicht vorstellen, wie es hier aussah.“

Jetzt sieht’s so aus, als entstünden hier Lofts mit wunderbarem Ausblick. Von hier oben gesehen, erscheint der Bahnhof wie das pulsierende Herz der Stadt.

„Wir möchten hier auch zeigen, wie man mit altem Bestand umgeht“, verweist Stark auf den Vorzeigecharakter des Engagements. Mit anderen Großbauprojekten hat es gemein, dass es viel, viel teurer werden wird, als vorauszuahnen. Wie beim Umbau des Bert-Brecht-Hauses stellte sich erst während der Arbeiten heraus, dass die Sanierung der Pfeiler schwieriger werden würde als geplant. Doch im Gegensatz zum Brecht-Haus führt das hier nicht zur Fast-Kapitulation. Stark: „Selbsthilfe auf der Baustelle und Drittmittel von Sponsoren müssen die Kostensteigerung ausgleichen.“ So spendiert die Firma Schütz aus dem Westerwald die komplette Fußbodenheizung kostenlos.

Zweite Umbauphase geplant

Wer die Lofts mit Leben füllen wird, steht noch nicht fest. Wohl aber, dass es eine zweite Umbauphase geben wird. Die betrifft das Dach des Turms. Um in die je 350 Kubikmeter fassenden Wasserbehälter zu schauen, muss man derzeit eine schmale Leiter hochklettern. „Das soll einmal über eine Treppe möglich sein“, sagt Stark. Ganz oben soll eine Art Aussichtsplattform entstehen. Der Vorab-Testblick von diesem 33 Meter hohen künftigen Public-Viewing-Point in alle Himmelsrichtungen beweist: Hier bekommt der Gasometer echte Konkurrenz.

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