Dank Pflegefamilie eine unbeschwertere Kindheit

Helen Hühnerbach (27) und Denis Herrschaft (23) wuchsen in Pflegefamilien auf. Sie sagen heute: Wir haben Glück gehabt.
Helen Hühnerbach (27) und Denis Herrschaft (23) wuchsen in Pflegefamilien auf. Sie sagen heute: Wir haben Glück gehabt.
Foto: WAZ FotoPool

Oberhausen. 241 Kinder werden derzeit in Oberhausen in 209 Vollzeitpflegefamilien betreut. Was aber bedeutet es für diese Kinder überhaupt, in einer fremden Familie zu leben? Wir lassen zwei erwachsene Pflegekinder selbst erzählen.

Denis Herrschaft (23) ist einer davon. Seine Geschichte beginnt im August 1989 in einem Waisenhaus in Karlsruhe. Das Jugendamt in Heidelberg (dort war er geboren worden), suchte dringend nach einer Pflegefamilie für den neun Monate alten Jungen. Zeitgleich machten sich Eva und Klaus Herrschaft quer durch Deutschland auf die Suche nach einem Pflegekind.

Die Oberhausener konnten keine eigenen Kinder bekommen und hatten sich bewusst für diesen Weg entschieden. „Wir hatten viele Jugendämter selbst angerufen, in Heidelberg hatten wir vorher sogar schon unsere Eignung überprüfen lassen“, sagt Eva Herrschaft. Das Jugendamt nickte durch und so kam es, dass Kind und Pflegeeltern rasch zueinanderfanden.

Der Name wurde geändert

„Meine Pflegeeltern suchten regelmäßig den Kontakt zu meiner leiblichen Mutter“, sagt Denis, „weil ich später wissen sollte, wer meine Eltern sind“. Als Kind aber habe ihn das gar nicht interessiert. Mama und Papa, das waren und sind bis heute Eva und Klaus Herrschaft. Schön, es gab da diese Fotos. Und die merkwürdige Tatsache, dass ihm in der Grundschule zwei Zeugnisse ausgehändigt wurden. Eines mit dem Namen Denis Maurer und eines, auf dem Denis Herrschaft stand.

Eine pädagogisch hilfreiche Variante, die nach dem Schulwechsel zum Gymnasium nicht mehr in Frage kam. „Da ich aber unbedingt so wie meine Pflegeeltern heißen wollte, rief ich meine leibliche Mutter an“, erzählt Denis. Elf war er damals. An dieses erste persönliche Gespräch nach vielen Jahren kann er sich noch gut erinnern: „Ich habe ihren Dialekt kaum verstanden und auch sonst war sie mir völlig fremd.“ Die Mutter stimmte der Namensänderung zu, der Kontakt verlief wieder im Sande.

Die Schwester versorgte die Kinder

Nach dem Abitur studierte Denis Jura. Als er dafür einen Bafög-Antrag einreichen wollte, hieß es: „Wir benötigen die Einkommenserklärung deiner leiblichen Eltern.“ Mit viel Recherche-Aufwand ermittelte Familie Herrschaft, wo Denis Mutter heute lebt. Auf das zweite Telefonat folgte der Schock: „Ich sprach zum ersten Mal mit meiner 21-jährigen Halbschwester und die machte mir starke Vorwürfe, weil ich doch ein so schönes Leben gehabt hätte, sie aber habe da bleiben müssen.“

Die Schwester, so erfuhr Denis, war es auch, die sich hauptsächlich um die zweite, heute 17-jährige Halbschwester und den elfjährigen Halbbruder gekümmert hat. „Trotzdem macht sie jetzt eine Ausbildung zur Hotelkauffrau“, sagt Denis nicht ohne Stolz. Der Kontakt zu den Geschwistern ist geblieben. Der zur Mutter war nie wirklich einer. „Sicher auch, weil sie sich die ganze Geschichte rosarot malt, um es besser ertragen zu können, mich weggegeben zu haben.“ Familie ist Denis bis heute wichtig. Für den 23-Jährigen aber sind „Eltern doch wohl die, die sich um dich kümmern und nicht die, die dich gemacht haben, denn das geht einfach“. Dank seiner Pflegeeltern hatte er eine unbeschwerte Kindheit. Für die ist er dankbar.

Es hat nie so richtig geklappt

Auch Helen Hühnerbach ist bei einer Pflegefamilie aufgewachsen. „Mit ein paar Wochen kam ich als sechstes zu fünf leiblichen Kindern dazu“, sagt die 27-Jährige. Immer wieder habe ihre leibliche Mutter die Chance erhalten, ein Verhältnis zu ihrer Tochter aufzubauen. „Aber es hat nie so richtig geklappt.“ Eine harte Zeit. „Das meiste habe ich verdrängt“, räumt Helen Hühnerbach ein. Mit der Kindergartenzeit fiel die endgültige Entscheidung: „Ich durfte bei meiner Pflegefamilie bleiben.“ Da endlich setzte auch für sie der Alltag ein. „Ich fühlte mich wie ein Kind dieser Familie und ich war glücklich.“ Sie beendete das Gymnasium, ist heute Erzieherin.

Es gab schon Ähnlichkeiten

Als Helen volljährig war, hatte die leibliche Mutter das Jugendamt gebeten, den Kontakt herzustellen. „Ich dachte, das ist eine Chance zu gucken, wo man so herkommt.“ Charakter, Aussehen, ja, da gab es Ähnlichkeiten. Sie lernte ihren Halbbruder (20) und ihre Halbschwester (23) kennen. Zum Bruder entwickelte sich eine Freundschaft. „Meine Schwestern aus meiner Pflegefamilie, mein Bruder und ich kegeln inzwischen im selben Club.“

Das Verhältnis zur leiblichen Mutter blieb schwierig. „Wir haben auf einen Kontakt verzichtet, es ist für uns beide derzeit einfach besser.“ Den Vater traf Helen Hühnerbach durch Zufall bei Facebook wieder. „Er ist indianischer Abstammung, lebt in den USA und kommt mich nun vielleicht bald besuchen.“

Fast 80 Prozent der Kinder bleiben dauerhaft

Die Zahl der Kinder, die in Pflegefamilien untergebracht sind, kletterte im Vergleich zum Vorjahr um 20 auf aktuell 241. Zwölf davon werden im Rahmen der Kurzzeitpflege betreut. 13 Kinder kamen darüber hinaus in Bereitschaftspflegestellen unter.

Fast 80 Prozent der Kinder bleiben dauerhaft in ihren Pflegefamilien. „Das liegt daran, dass bereits im Vorfeld schon fast alles versucht wurde, um den leiblichen Eltern unterstützend zur Seite zu stehen“, sagt Uschi Sieweke (58), Leiterin des Pflegekinderdienstes der Caritas (die Caritas übernimmt diese Aufgabe im Auftrag der Stadt, Kontakt: 940440).

„Die meisten Hilfsmaßnahmen setzen bereits im Säuglings- und Kleinkindalter an“, erläutert Sieweke. Spätestens im Kindergarten- oder Schulalter falle die endgültige Entscheidung. „Die Kinder brauchen schließlich Klarheit.“ Der Gesetzgeber habe diesen Prozess auf zwei Jahre begrenzt. Bis dahin steht die Rückführung in die eigene Familie im Vordergrund.

Die Zusammenarbeit mit den leiblichen Eltern spielt eine große Rolle

Aber auch wenn das nicht möglich ist, spielt die Zusammenarbeit mit den leiblichen Eltern eine große Rolle. „Die meisten behalten das Sorgerecht.“ Allerdings gebe es auch Familien, die ihr Pflegekind adoptiert hätten. „An neuen Pflegeeltern sind wir immer interessiert“, betont Sieweke. „Denn je mehr Familien sich dazu bereit erklären, desto differenzierter können wir für ein Kind die passgenaue Familie auswählen.“

Wissen sollte man aber: Fast alle Kinder brächten einen Rucksack mit, dessen Inhalt nicht immer klar sei. „Der wird erst geöffnet, wenn sie sich auf eine neue Beziehung einlassen.“ Deshalb sei es den neun Caritas-Mitarbeitern (sieben Stellen) wichtig, den Pflegefamilien zur Seite zu stehen. „Wir machen die künftigen Pflegeeltern mit einer Schulung fit, bieten Fortbildungen und andere Gruppenaktivitäten an.“

Generell gelte: „Die Fälle sind komplexer geworden“, sagt Guido Ernek (45), Leiter des Caritasbereiches Familie. Und mit Blick auf die drohenden Etatkürzungen: „Wir würden unsere Arbeit gerne mit der notwendigen Qualität fortsetzen.“

 
 

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