Düsseldorf

Clan-Kriminalität in NRW: Innenminister Reul präsentiert Lagebild – diese Ruhrgebietsstadt ist Clan-Hochburg

NRW-Innenminister Herbert Reul und Essens Polizeipräsident Frank Richter erklären die Strategie zur Bekämpfung der kriminellen Clans.

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Düsseldorf. Mit dem bundesweit ersten Lagebild zur Clan-Kriminalität hat NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) 104 kriminelle Clans in Nordrhein-Westfalen verortet. In den Jahren 2016 bis 2018 sollen diese für rund 14.000 Straftaten verantwortlich sein, begangen durch 6.500 Verdächtige, sagte Reul am Mittwoch in Düsseldorf. Unter ihnen seien viele Intensivtäter.

Clan-Kriminalität ist keine Kleinkriminalität“, sagte Reul. „Wir haben es hier eben nicht mit Eierdieben und Tabakschmugglern zu tun. Wir reden von schweren Verbrechen bis hin zu Tötungsdelikten." Unter den Straftaten seien 26 versuchte und vollstreckte Tötungsdelikte. Es gehe auch um Raub, Erpressung und Körperverletzung.

Clan-Kriminalität in NRW: Hochburg liegt im Ruhrgebiet

Eine Hochburg der Clans sei Essen. Doch auch in den Großstädten am Rhein und im ländlichen Raum fallen Clan-Mitglieder durch Straftaten auf. Die meisten Verdächtigen mit Clan-Hintergrund seien Deutsche (36 Prozent), gefolgt von Libanesen (31), Türken (15) und Syrern (13).

Neben offen illegalen Aktivitäten wie Rauschgifthandel, Glücksspiel oder Sozialleistungsbetrug betrieben Clan-Mitglieder auch scheinbar legale Geschäfte wie Autohandel, Sicherheitsdienstleistungen oder Schlüsseldienste. Diese dienten mitunter dem Ziel zu betrügen, Geld zu waschen oder als Tarnung für kriminelle Vorhaben, so der Lagebericht.

Zehn Clans begehen 30 Prozent der Straftaten

Das Lagebild weise zehn Clans aus, die allein für einen Großteil - rund 30 Prozent - der erfassten Straftaten verantwortlich sind. „Das sind schon Mafia-Strukturen und Parallelwelten, in denen die Missachtung von Recht und Gesetz von einer Generation auf die nächste weitergegeben wird. Diesen Mechanismus zu durchbrechen, ist auch unser Ziel. Schon im Interesse der Kinder, die in diesem Milieu aus Gewalt und Verbrechen aufwachsen müssen“, so Reul.

20 Prozent der Tatverdächtigen seien Frauen, so LKA-Chef Thomas Jungbluth. „Das hat uns überrascht“, so der leitende Kriminaldirektor des LKA.

Reul: „Das muss sich ändern“

Es gebe Clans, die zahlten nur etwa jedes zweite Bußgeld für Verkehrsdelikte. Die Clan-Mitglieder glaubten offenbar, sie müssten nichts und niemanden fürchten, sagte Reul. „Genau das muss sich ändern.“

Reul übte auch Kritik an der Nordrhein-westfälischen Vorgängerregierung: „Jahrelang wurden die Hinweise der Bürger, aber auch aus Polizeikreisen zu diesem Problem geflissentlich ignoriert. Ob aus falsch verstandener politischer Korrektheit oder weil man der Auffassung war, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Damit ist nun endlich Schluss. Bei uns gilt nicht das Gesetz des Clans, sondern das Gesetz des Staates", so Reul.

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Woher kommen die Clans?

  • Wenn die Rede von kriminellen Araber-Clans ist, sind meist Mitglieder von Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln gemeint. In Deutschland gehören nach Schätzungen des Bundeskriminalamts (BKA) rund 200.000 Menschen zu solchen Großfamilien.
  • Die meisten von ihnen sind nicht kriminell. Manche aber haben sich zu mafiösen Gruppierungen zusammengeschlossen, nutzen familiäre Strukturen für kriminelle Geschäfte.
  • Sie leben häufig in einer abgeschottenen Parallelwelt, erkennen staatliche Strukturen nicht an. Straftaten werden zu internen Probleme erklärt, die innerhalb der Familien von sogenannten Friedensrichtern geregelt werden.

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Mhallami kamen aus der Türkei

  • Das wesentlichste Kriterium der Zugehörigkeit des Einzelnen zum Clan ist die tatsächliche familiäre Verwandtschaft. Viele stammen ursprünglich aus dem Libanon, aus Syrien, dem Irak oder der Türkei. Vor allem im Ruhrgebiet wird häufig von Libanesen-Clans gesprochen. Gemeint sind dann kriminelle Mitglieder von Familien, die ursprünglich aus der Türkei und aus Syrien stammen. Sie gehören zu den sogenannten Mhallami, einer arabischstämmigen Volksgruppe.
  • Viele von ihnen wurden nach dem Ersten Weltkrieg aus der Türkei vertrieben und siedelten sich im Libanon an - oft fehlten ihnen die Mittel für Pässe und eine Einbürgerung. Als dort Bürgerkrieg ausbrach (1975 bis 1990), flohen viele der Familien nach Deutschland.

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Clans in NRW: Viele Familienmitglieder haben nur einen Duldungsstatus

  • Sie kamen über Ost-Berlin in den Westen, beantragten Asyl und wurden auf verschiedene Bundesländern verteilt - vor allem nach Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen. Hier gab es einen Abschiebestopp, sie erhielten als Staatenlose direkt eine Duldung und blieben im Land. Bei nicht wenigen blieb der Duldungsstatus bestehen, über Generationen.
  • Menschen mit Duldungstatus haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer: Eine selbständige Tätigkeit ist ihnen untersagt, eine Beschäftigung als Arbeitnehmer ist nur auf Antrag und nach Zustimmung durch die Ausländerbehörde möglich. Manche Experten sehen hierin eine mögliche Ursache dafür, dass sich aus der Perspektivlosigkeit heraus kriminelle Netzwerke innerhalb der Familien gebildet haben.

(pen/dpa)

 
 

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