Burn-Out-Selbsthilfegruppe will Betroffenen den Austausch ermöglichen

Martina Nattermann
Wie Burn-Out-Patienten empfinden, können Angehörige oft nicht nachvollziehen.
Wie Burn-Out-Patienten empfinden, können Angehörige oft nicht nachvollziehen.
Foto: Roy Glisson
Im Januar sollen die ersten Treffen der neuen Selbsthilfegruppe stattfinden.

Oberhausen. Gut ist besser als perfekt: In unübersehbar großen Lettern prangt diese Lebensweisheit im Arbeitszimmer von Markus S. (46) an der Wand. Noch vor zwei Jahren hätte er wohl rundheraus jeden zum Spinner erklärt, der ihm mit einem solchen Spruch gegenübergetreten wäre. Das ist jetzt anders. Dazwischen liegen zwei Jahre, wie sie der dreifache Familienvater nicht noch einmal durchleiden möchte.

Das „Burn-Out-Syndrom“ hatte den erfolgreichen Bauleiter eines internationalen Unternehmens an seine Grenzen gebracht. Heute hat er die Talsohle durchschritten – und möchte anderen, die Ähnliches durchleiden oder durchlitten haben, dazu einladen, sich auszutauschen: „Das Verständnis von Leidensgenossen ist untereinander einfach größer. Angehörige können die Gefühlslage meist einfach nicht verstehen, selbst wenn sie sich noch so sehr darum bemühen“, weiß Markus S. aus eigener Erfahrung.

Deshalb möchte er eine Selbsthilfegruppe gründen, die sich im Januar erstmals treffen soll. „Phönix“ soll sie treffenderweise heißen – nach dem mythischen Vogel, der aus seiner eigenen Asche wiedergeboren wird.

Ängste wurden immer schlimmer

Markus S. war einer, der am liebsten alles selbst gemacht hat, weil’s ihm sonst keiner gut genug machte: „Heute weiß ich, dass dieser Hang zum Perfektionismus mir zum Verhängnis geworden ist. Ich hab’ immer mehr Arbeit an mich gezogen – am Ende beinah ein Pensum von drei Vollzeitjobs, die ich alle perfekt erledigen wollte“, erzählt er.

Bis dann, vor rund anderthalb Jahren, kurz nach einer neuerlichen Beförderung, erste Ängste kamen. Ihm wurde klar, dass er sich zu viel aufgeladen hatte. Ein Gespräch mit Vorgesetzten brachte nichts, verschlimmerte seine psychische Situation sogar. Bis nichts mehr ging: „Ich bin tagelang gar nicht mehr hochgekommen“, erinnert er sich an die schlimmste Zeit.

Seine Hausärztin diagnostizierte „Burn Out“ – und gab ihm eine Liste mit Therapeuten: „Ich hab alle durchtelefoniert, Wartezeiten von sechs Monaten bis zu zwei Jahren waren normal. Nur eine war bereit, sofort ein Gespräch zu führen: Das war ein Sechser im Lotto“, sagt Markus S..

Die Therapeutin überwies ihn an eine Akutklinik in Bad Aroldsen. Da war er acht Wochen: „Das war das Beste, was mir passieren konnte.“ Was ihm dort aber auch klar wurde: „Das Ganze schafft nur den Rahmen, für das, was in einem selbst passiert. Das meiste muss man selbst tun“, sagt er: „Das begreift man aber erst, wenn man sich mit Menschen unterhält, die schon einen Schritt weiter sind.“ Diesen Austausch möchte er nun auch anderen Leidensgenossen ermöglichen: in der neuen Selbsthilfegruppe „Phönix“.