Auftritte von rechtsextremen Musikgruppen in Oberhausen häufen sich laut Antifa

Die Neonazi-Szene trifft sich häufig an unverfänglichen Orten.
Die Neonazi-Szene trifft sich häufig an unverfänglichen Orten.
Foto: WAZ FotoPool
Die Oberhausener Antifa kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Zahl von Auftritten von rechtsextremen Bands häuft. Die Musiker hingegen fühlen sich zu Unrecht beschuldigt und Peter Jurjahn, der Geschäftsführer des Kulttempels, hat wegen zu großem Druck von Seiten der Antifa ein Konzert abgesagt.

Oberhausen.. Erst geriet das Helvete unter Verdacht, dann die Turbinenhalle, nun auch der Kulttempel. An allen drei Veranstaltungsorten in Oberhausen sollen Bands aufgetreten sein oder noch auftreten, die angeblich zu einer Grauzone der rechtsextremen Musikszene gehören. Die Zahl der Auftritte solcher Bands häufe sich, zu diesem Ergebnis kommt die Oberhausener Antifaschistische Initiative in ihrer Recherche.

„Es ist der Versuch, rechtsextreme Gesinnung in Oberhausen hoffähig zu machen“, warnen Mitglieder der Antifa, die aus Angst vor Racheakten aus dem rechten Spektrum jedoch anonym bleiben wollen. Gezielt würden auf Veranstaltungen Bands, die eine Nähe zur rechten Szene haben, mit unverfänglichen Gruppen vermischt. Die Black-Metal-Band „Corpus Christii“, die Skinhead-Gruppe „Krawallbrüder“ und die Metal-Band „Make a change...kill yourself“ sollen nach Meinung der Antifa zu jener Sorte gehören, die sich von rechtsradikalen Ansichten, Kontakten und Fans nicht genügend abgrenzen.

Diskussion findet kaum statt

Doch das Problem gehe tiefer: „Es heißt immer: Oberhausen hat kein Nazi-Problem“, kritisiert Tom (Name geändert) von der Antifa, eine politische Diskussion finde daher kaum statt. Dabei seien die einstigen Veranstaltungsorte der rechten Oberhausener Szene wie das „Melody“ zwar nicht mehr aktiv. Das heiße aber nicht, dass es keine solche Szene mehr gäbe, nur die Organisation habe sich geändert. Man träfe sich in kleinen Grüppchen an unverdächtigen Orten wie dem Kaisergarten. Dort bekäme man dann den wahren Treffpunkt genannt – wenn man zuvor die Gesichtskontrolle bestanden hat.

Die nicht ungefährlichen Versuche der Antifa, sich unter eine solche Gruppe zu mischen, haben eher selten funktioniert. Und von Verhältnissen wie in Dortmund, wo Neonazis einen ganzen Stadtteil terrorisieren, sei Oberhausen entfernt, glaubt auch Tom. Doch einschlägige Schmierereien gebe es nach wie vor, besonders im Norden der Stadt: etwa Sterkrade, Schmachtendorf, Holten. Gekritzel wie Freier Widerstand, NPD, Nazi-Runen, Anti-Antifa-Parolen sind dort zu finden – wenn man hinschaut. Erst am Wochenende sollen Jung-Nazis eine Gruppe am Hauptbahnhof zusammengeschlagen haben. Auch Zeichen einer vorhandenen Szene?

Musiker fühlen sich zu Unrecht beschuldigt

Und die Musik? Wer sich mit „Grauzonen“ beschäftigt, begibt sich auf schwieriges Terrain, womöglich dünnes Eis. Denn offen rechtsradikal äußert sich von den angemahnten Gruppen keine. Und jede auch gut gemeinte Recherche, kann zu falschen Schlüssen kommen: Als die Antifa vor dem Auftritt der Black-Metal-Band „Corpus Christii“ im Helvete warnte, gab es zuvor einen verbalen Schlagabtausch: „Ich habe nie in diesen (rechtsradikalen) Bands gespielt“, äußerte sich Sänger Nocturnus Horrendus auf einer Internet-Seite der Antifa. Er werde mit einem Bekannten verwechselt, zu dem er den Kontakt abgebrochen habe. „Eure falschen Beschuldigungen haben das Image der Band beschädigt und eine Menge Probleme verursacht.“

Und auch die „Krawallbrüder“ fühlen sich zu Unrecht beschuldigt, spenden sie doch nach eigener Aussage an den Verein „Laut gegen Rechts“. Doch die Antifa hat Zweifel. Denn selbst Lippenbekenntnisse gegen Nazis müsse man mit Vorsicht genießen. Oft sei es eine Frage von Freundschaften, gemeinsamen Spielorten, Fans – von „Hintertüren“, die man sich zur extremen Szene offen hält. Und eine Frage der Leseweise der Texte, die von Heimat, Kameradschaft, Tradition handeln.

Deutlichen Rassismus oder Antisemitismus findet man bei Grauzonen-Bands nicht. Und doch: „Der Osten lebt, unser Osten. Ein Volk vom alten Schlage das noch lang nicht resigniert “, heißt es etwa in „Zweite Heimat“ von den „Krawallbrüdern“. Wer die Botschaft verstehen will, erkennt sie auch.

„Für mich ist das Rufmord“

Also mir reicht’s – ich sage das Konzert ab“ – Peter Jurjahn, Geschäftsführer des Kulttempels, ist frustriert. Seit ein Veranstalter seinen Laden für ein Konzert der dänischen Band „Make a change...kill yourself“ (zu deutsch: Verändere ‘was...bring’ dich um) buchen wollte, steht auch er im Visier der Antifa Initiative.

Jurjahn wird der Druck zu groß, und ebenso die Angst, sein Geschäft gerate – unberechtigt – in Verruf: „Für mich ist das Rufmord“, sagt er, beugt sich aber: Das für den 15. Dezember geplante Konzert findet nicht statt.

Nach Angaben der Antifa soll der Frontmann der Gruppe Jacob Zagrobelny mit „NS-affinen Bands“ wie Horna auf Europatour gegangen sein, und habe sich in der Vergangenheit antisemitisch geäußert. Zagrobelny selbst distanziert sich von Äußerungen, die er vor sechs Jahren machte. Sei seien „dumme unreife Bemerkungen“ gewesen, die nichts mit seiner heutigen Einstellung zu tun haben. Seine Texte seien unpolitisch, zu seinen Auftritten seien keine Nazi-Symbole zu sehen.

Dass nun auch der Kulttempel in den Blick der Antifa geraten ist, schockiert Jurjahn, dabei hat er bei der umstrittenen Band keine Anzeichen für rechtsradikale Gesinnung gefunden: „Rechte Bands und Leute mit rechter Gesinnung haben in meinem Laden nichts zu suchen, sie werden – wenn wir sie erkennen – nicht reingelassen oder rausgebeten. Wir spielen noch nicht mal Metal, sondern Rock und Gothic.“

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