Aufbruch von Oberhausen ins „Welt-Schtetl“

„Ich hob dich zu viel lieb“ sangen Sharon Brauner und Karsten Troyke.
„Ich hob dich zu viel lieb“ sangen Sharon Brauner und Karsten Troyke.
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Großes Debüt für den neuen Freundeskreis der Liberalen Jüdischen Gemeinde: Sharon Brauner und Karten Troyke sorgten für ein musikalisches Fest.

Oberhausen.. Die vier Rosengebinde waren hochverdient: Das Sonntags-Nachmittags-Publikum erlebte „hier im Ruhrgebiet jüdische Lieder auf einer katholischen Bühne“. So brachte Lev Schwarzmann jenes feine Konzert auf den Punkt, mit dem der Freundeskreis der Liberalen Jüdischen Gemeinde „Perusch“ jetzt erstmals vor die Öffentlichkeit trat.

Ein „Fest“ hatte der Vorstandsvorsitzende der Gemeinde versprochen – ein Fest war’s, nicht nur für die Mitglieder von „Perusch“.

Auch Sharon Brauner und Karsten Troyke strahlten von der kleinen Bühne: Eine so wohlklingende Zuhörerschaft findet sich sicher nicht alle Tage. Viele kannten die alten Lieder in den swingend neuen Arrangements waren textsicher im Jiddischen, Hebräischen und Russischen. „Gibt es hier einen Gemeinde-Chor“, fragte Sharon Brauner. „Das hört man.“ Und Karsten Troyke wünschte sich eine „Live-Aufnahme“ mit diesem beseelt mitsingenden Publikum.

Von Salomon bis Leonard Cohen

Nun, das Gesangs-Duo und seine erstklassigen Begleiter – Harry Elmer am Flügel und Daniel Weltlinger an der Violine – waren ja auch gleich mit dem jiddischen Evergreen schlechthin ins Programm eingestiegen: „Bei Mir Bistu Shein“ ist in 80 Jahren kaum gealtert. „Wenn Jiddisch als Muttersprache immer leiser wird“, meinte die mädchenhafte Sharon Brauner, „so lebt sie doch in den Liedern weiter“.

Und diese Lieder interpretierte das Quartett, das in dieser beglückenden Konstellation erst seit kurzem auftritt, alles andere als nur Schtetl-folkloristisch. Brauner & Troyke schöpfen die Tradition aus der großen weiten Welt. Sie huldigen dem eleganten Swing und verführerischen Tango. Musikalisch erbauen sie ein „Welt-Schtetl“.

Dafür trötet Sharon Brauner auch in eine Plastik-Trompete und besingt den Bagel-Genuss mit einer Blues-Röhre, die man der zarten Person kaum zutrauen möchte.

Bühnen-Paar singt auf Hebräisch

Karsten Troykes wandlungsfähiger Bass-Bariton ist dagegen längst Markenzeichen – und ein profunder Kontrast zum selig mitsummenden Auditorium. Sehr wirkungsvoll fanden seine und ihre Stimme zusammen bei „Nature Boy“, jenem durch Nat King Cole berühmten Welthit nach einer alten jüdischen Melodie: Sie sang den englischen Text, er rezitierte die Übersetzung. Mit Leonard Cohens „Dance me to the end of love“ sollten sie dieses charmante Spiel wiederholen.

Zwischendurch duellierten sich Brauner und der in allen Spielarten der Violine virtuose Daniel Weltlinger hinreißend an Geige und Ukulele: Rücken an Rücken rockten sie den Saal. „Bravo“-Rufe für den Saitenkünstler hätten nach jedem Solo kommen können. Noch mehr „Bravos“ – auch für den Mann am Klavier, der sich selbst einhändig auf der Mundharmonika begleitet – gab’s für den Titel-Song des Abends: „Ich hob dich zu viel lieb“ wurde bei Brauner & Troyke zu einem Duett himmlischer Seufzer.

Das Bühnen-Paar aus Berlin sang noch auf Hebräisch „Der Abend der Rosen“ aus dem Hohen Lied Salomons und als improvisierte letzte Zugabe „Hava Nagila“ – natürlich zum vollen Saal-Chor. Übersetzt heißt der Titel „Lasst uns glücklich sein“.

 
 

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