Ärztin verweigert verletzter Frau in Oberhausen Erste Hilfe

Im Johanniter-Krankenhaus lehnte eine Ärztin die Ersthilfe einer verletzten Radfahrerin ab.
Im Johanniter-Krankenhaus lehnte eine Ärztin die Ersthilfe einer verletzten Radfahrerin ab.
Foto: WAZ
Eine Radlerin wird direkt vor dem Oberhausener Johanniter-Krankenhaus von einem Pkw angefahren. Eine Passantin begleitet die am Hinterkopf blutende Frau ins Krankenhaus, doch dort wird der Verletzten von einer Ärztin selbst die Ersthilfe verweigert.

Oberhausen.. Claudia Verlande verlässt gegen 9 Uhr früh das Johanniter-Krankenhaus und sieht vor dem Haupteingang eine ältere Dame mit ihrem Rad auf dem Bürgersteig stehen, die offensichtlich verletzt ist. „Ich habe sofort nachgefragt und die Frau erzählte, sie sei angefahren worden und auf den Hinterkopf gefallen“, erinnert sich die 49-Jährige. Der Pkw-Fahrer habe bereits die Polizei informiert. „Ich sah das viele Blut in ihren Haaren und dachte, wir stehen hier vor einem Krankenhaus, da kann sich das doch schnell ein Arzt ansehen.“

Rettungswagen brachte Patientin in ein anderes Krankenhaus

Die Pförtnerin sei sehr nett gewesen und habe gleich nach einem Mediziner gerufen. „Nach ein paar Minuten kam eine Ärztin, die die verletzte Frau aber gar nicht beachtete, mich dafür sofort harsch anging“, erzählt Verlande weiter. Sie hätte die Verletzte nicht vom Unfallort entfernen dürfen, das sei juristisch bedenklich gewesen.

Verlande: „Ich bat sie, sich doch lieber die Wunde anzusehen und erhielt darauf die Antwort, dass sie das auf keinen Fall tun werde, denn das Johanniter-Krankenhaus sei eine Fachklinik und verfüge über keine Unfall-Chirurgie.“ Die Ärztin habe immerhin veranlasst, dass ein Rettungswagen kam, der die Dame in ein anderes Krankenhaus brachte.

Erstversorgung ist ein Muss

Was die Oberhausenerin nicht nachvollziehen kann: „Selbst wenn das Johanniter-Krankenhaus keine Behandlung von Notfall-Patienten durchführen darf, hätte die Ärztin doch zumindest eine Ersthilfe leisten müssen, sie hätte mal eben einen Blick auf die Wunde werfen und der Frau vielleicht eine Kompresse reichen können.“

Eine Einschätzung, die Dirk Schulenburg, Justiziar der Ärztekammer Nordrhein, nur bestätigen kann. „Es ist für mich kaum vorstellbar, dass sich ein Arzt oder eine Ärztin eine Wunde in so einem Fall nicht einmal anguckt“, betont Schulenburg. Zumindest die Erstversorgung hätte durchgeführt werden müssen. „Unabhängig davon, ob es dort eine Unfall-Chirurgie gibt oder nicht.“ Zumal offene Wunden zeitkritisch seien. „Die müssen schnell behandelt werden und nicht erst nach Stunden.“

Aus dem Johanniter-Krankenhaus selbst gab es übrigens bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu dem Vorfall.

Kein Einzelfall

Kein Einzelfall: Erst kürzlich war ein achtjähriges Mädchen gestürzt und hatte sich eine stark blutende Wunde am Kinn zugezogen. Doch in der Nahe gelegenen Notfall-Ambulanz der Helios St. Elisabeth Klinik wurden das Kind und seine Mutter mit dem Hinweis, man habe so viel zu tun, abgewiesen. Sie solle in zwei Stunden anrufen oder in ein anderes Krankenhaus fahren, sagte eine Krankenschwester.

Auch eine zu Hause gestürzte Frau sei nach eigenen Angaben vom Pflegepersonal der selben Klinik zunächst wieder nach Hause geschickt worden. Als sie nach drei Stunden in die Notfall-Ambulanz zurückgekehrt sei, habe sich herausgestellt: „Ich hatte eine gebrochene Rippe.“

Dirk Schulenburg, Justiziar der Ärztekammer Nordrhein, dazu: „Es geht niemand ohne Grund in eine Notfall-Ambulanz.“ Die Entscheidung, ob jemand zunächst wieder nach Hause kann, um dann wiederzukommen, dürfe nur von dem diensthabenden Arzt getroffen werden. „Und keinesfalls vom Pflegepersonal.“ Anders verhielte es sich natürlich, wenn die Patienten selbst entschieden, wieder zu gehen. „Dann tragen sie für mögliche Folgeschäden die Verantwortung.“ Zur Erstversorgung seien Krankenhäuser darüber hinaus verpflichtet. „Ebenso wie jeder niedergelassene Arzt auch.“

Mangelnde Kommunikation

Mangelnde Kommunikation ist das Problem, ist sich AOK-Regionaldirektor Hans-Werner Stratmann sicher. Ärzte und Pflegepersonal würden ihren Patienten zu wenig erklären. „Wenn ich stundenlang in der Notfall-Ambulanz warte und es lässt sich niemand blicken, fühle ich mich als Patient völlig alleingelassen und werde irgendwann stinksauer“, so Stratmann. „Wenn ich aber weiß, dass es einen schweren Unfall gegeben hat und alle greifbaren Mediziner ihr Möglichstes tun, um Leben zu retten, sieht das ganz anders aus.“

Und mit Blick aufs Johanniter-Krankenhaus: „Ein Verband für die Wunde, ein paar freundliche Worte mit dem Hinweis, man werde die Frau sofort ans richtige Haus weiterleiten – und schon hätten sich alle Beteiligten gut aufgehoben gefühlt.“

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