6000 Erwachsene in Oberhausen leiden unter ADHS

Barbara Hoynacki
Bei manchen Erwachsenen zeigt sich ADHS in unablässigem Malen. Markus entwickelte eine außergewöhnliche Kreativität.
Bei manchen Erwachsenen zeigt sich ADHS in unablässigem Malen. Markus entwickelte eine außergewöhnliche Kreativität.
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
„Ohne Behandlung würde ich nicht mehr leben“, sagt Markus. Der 30-Jährige hat ein Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) und gehört damit zu rund 6000 betroffenen Erwachsenen in Oberhausen. Die Therapie bei Prof. Dr. Eugen Davids half dem jungen Erwachsenen, seinen Alltag neu zu ordnen

Oberhausen. Markus wirkt gelassen, selbstsicher. Das war nicht immer so. Irgendwann auf dem Weg zum Erwachsenwerden hat der 30-Jährige sich selbst verloren, litt an Depressionen. Weshalb, erkannte erst sein behandelnder Arzt in der Abteilung für Psychiatrie im Katholischen Klinikum Oberhausen: Markus hat ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom) und gehört damit zu rund 6000 betroffenen Erwachsenen in Oberhausen.

Ungewöhnlich kreativ

„Markus war ein fröhliches Kind“, erzählt seine Mutter. Er sei aufgeweckt gewesen, habe tausend Fragen gestellt, war gerne bei Freunden. „Aber ein typischer Zappelphilipp war er nie.“ Eher ungewöhnlich kreativ, auch auffällig offen. „Womit ich oft aneckte“, sagt Markus selbst. Sport habe er immer gerne gemacht, sich aber „durch Ungeschicklichkeiten“ häufig die Knochen gebrochen.

„Ich fragte mich immer, warum passiert ausgerechnet mir ständig so etwas?“ Zehn Kinder rennen übers Eis, eines bricht ein. „Das war Markus“, sagt die Mutter nickend. Und er war so vergesslich. Den Müll runterbringen? Das Auto von der Werkstatt abholen? Dies und vieles mehr – einfach vergessen.

Eine Ausbildung brach er ab. Nach der Trennung von der langjährigen Freundin veränderte er sich. „Da dachten wir zum ersten Mal, es stimmt etwas nicht mit ihm“, erinnert sich die Mutter. Sie bekam Angst, ihr Kind zu verlieren – und packte den Sohn gegen seinen Willen in den Wagen. „Ich brachte ihn ins Josef-Hospital zu Prof. Eugen Davids.“ Sechs Wochen blieb Markus stationär dort. Bis heute macht er eine Verhaltenstherapie.

Umschulung abgeschlossen

Inzwischen hat Markus eine Umschulung zum technischen Zeichner für Maschinen- und Anlagentechnik abgeschlossen. Bei Bewerbungen hat er es bislang mit der Wahrheit probiert, um die Lücken im Lebenslauf zu füllen. Das wurde nicht belohnt: „Da winken dann immer alle ab.“

Seit vier Jahren engagiert sich Markus nun bei der Freiwilligen Feuerwehr. „Das soziale Umfeld ist das beste Medikament“, fasst der 30-Jährige seine Erfahrungen zusammen. Jahrelang hat er Ritalin (der Wirkstoff Methylphenidat ist ein Arzneistoff mit stimulierender Wirkung) genommen. „Um mich besser konzentrieren zu können.“

Die tragfähige Beziehung zu seinen Eltern und zu seiner jetzigen Verlobten gibt ihm Kraft, die Kameradschaft bei der Freiwilligen Feuerwehr den nötigen Halt. Durch Professor Eugen Davids habe er gelernt, seine Erkrankung anzunehmen. Dabei habe er sich am Anfang so sehr gegen die Therapie gesträubt. „Ich wollte mir nicht in den Kopf gucken lassen, hatte Sorge, dass die mich falsch verstehen.“

Das war gestern. Heute gibt Markus seinen Tagen eine feste Struktur. „Ohne Terminkalender läuft nichts mehr.“ Er hat seine Fröhlichkeit wiedergefunden. Glaubt aber auch: „Ohne die Behandlung würde ich nicht mehr leben.“