Umgang mit Nazi-Propagandisten erhitzt Politik

Martin Schwarz
Die Karl-Wagenfeld-Straße ist eine der Siedlungsstraßen auf dem Mühlenberg.
Die Karl-Wagenfeld-Straße ist eine der Siedlungsstraßen auf dem Mühlenberg.
Foto: WP
67 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs fasste in der vergangenen Woche der Bezirksausschuss Neheim den einstimmigen Beschluss, die „Karl-Wagenfeld-Schule“ zum Schuljahresbeginn 2012/13 in „Graf-Gottfried-Schule“ umzubenennen.

Neheim/Hüsten. Die Bezirkspolitiker folgten mit ihrer Entscheidung einem, bereits am 6. Oktober 2010 erfolgten einstimmigen Votum der Schulkonferenz der Karl-Wagenfeld-Schule. Der Anlass der Umbenennung ist die Tatsache, dass der damalige münsterländische Dichter, Lehrer und Heimatforscher Karl Wagenfeld (* 1869, † 1939) die rassistische und fremdenfeindliche Ideologie in der Zeit des Nationalsozialismus offensiv vertrat.

Ein Beispiel für diese Gesinnung gibt Wagenfelds Rede „Westfalens Jugend an die Front!“ auf dem Westfalentag auf der Hohensyburg am 16. September 1934. Wagenfeld sagte: „Aus Blut und Geist der Heimat, aus bodenverbundener christlich-deutscher Familie, müssen wieder Menschen wachsen, die nichts Anderes als deutsch fühlen, deutsch denken. (...) Dem, was sich als schädlich für die Wiedergeburt des deutschen Menschen, für das Werden deutscher Volksgemeinschaft, in den Weg stellt, ihm Euer Schwert! Es müssen nicht bloß Schädlinge beseitigt, es müssen auch noch viele abseits Stehende gewonnen werden.“

Warum angesichts solcher Äußerungen heute noch rund 70 Wege, Plätze und Schulen in Nordrhein-Westfalen den Namen Karl-Wagenfeld tragen, kann man nur schwerlich verstehen. „Es gab wohl viele Jahre eine Zeit des Verdrängens“, meint die Geschäftsführerin der Arnsberger Ratsfraktion der Grünen, Susanne Ulmke, die sich intensiv mit dem Thema „Karl Wagenfeld“ befasst hat. Nachforschungen von Grünen in anderen Städten hätten die Grünen in Arnsberg veranlasst, auch hier tätig zu werden. Ulmke berichtet: „Nach Auskunft des Arnsberger Stadtarchivars Gosmann wurde die Neheimer Grundschule nach dem Zweiten Weltkrieg (im Jahr 1949) in Karl-Wagenfeld-Schule umbenannt. Zuvor (seit 1902) hieß sie Agnesschule (in Anlehnung an die Ehefrau von Graf Gottfried IV.). Warum 1949 die Namensänderung passierte, wusste Gosmann nicht.“

Der Bezirksausschuss Hüsten hat sich im vergangenen Jahr gegen eine Neubenennung der Karl-Wagenfeld-Straße in Hüsten ausgesprochen. „Wir wollten mit dieser Entscheidung den Anwohnern den mit einer Straßenumbenennung verbundenen Mehraufwand - neue Ausweise, neue Anschriften in allen persönlichen und beruflichen Angelegenheiten - ersparen“, sagt Bezirksausschussvorsitzender Günter Goßler. Susanne Ulmke, deren Fraktion bereits 2010 eine Umbenennung der Straße gefordert hatte, hat für diese „aus Bequemlichkeitsgründen“ (Ulmke) getroffene Entscheidung kein Verständnis. Deshalb dürfe nicht weiterhin ein Nazi-Ideologe mit einem Straßenschild geehrt werden, meint Ulmke.

HINTERGRUND-WISSEN:

Die Schüler der Karl-Wagenfeld-Schule erinnern seit langem beim Graf-Gottfried-Spiel an Graf Gottfried IV., der Neheim 1368 einen riesigen Wald, den heutigen Stadtwald, schenkte. So lag es nahe, sich künftig Graf-Gottfried-Schule zu nennen.

Mit Verweis auf den bürokratischen Mehrauswand der Anwohner lehnt der Hüstener Bezirksausschuss eine Neubenennung der Karl-Wagenfeld-Straße ab. Die Straße war in der Zeit des Nationalsozialismus (im Jahr 1941) von Gartenstraße in Karl-Wagenfeld-Straße umbenannt worden.

In der Stadt Münster kam jetzt eine Kommission zum Ergebnis, die dortige Karl-Wagenfeld-Straße umzubenennen. Es bestehe auch kein Recht des Bürgers auf eine bestimmte Straßenbezeichnung.

In Alt-Arnsberg wurde bereits eine Straße umbenannt, weil Dr. Clemens Einhaus wegen seiner NS-Verangangenheit nicht mehr für eine Straßennamensgebung für würdig empfunden wurde. Hieran erinnert Susanne Ulmke und schreibt: „Die Zwangssterilisierungen im Arnsberger Marienhospital, über die zumindest 1936 öffentlich in den Zeitungsartikeln über die Verurteilung von Propst Bömer berichtet worden war, waren offenbar nach 1945 in Vergessenheit geraten. Sie wurden erst mit der Veröffentlichung der entsprechenden Stelle der Propsteichronik im Jahre 1989 wieder zum Thema (Kopshoff, S. 341). Aufgrund dieser Textstelle recherchierte im Frühjahr 2001 WP-Redakteur Achim Gieseke und veröffentlichte seine Erkenntnisse unter der Überschrift „Ohne Narkose Menschen sterilisiert“ (Quelle: Westfalenpost vom 18.04.2001). Der Zeitungsartikel löste eine lebhafte Diskussion über Dr. Einhaus aus, der aufgrund seiner ärztlichen Leistungen bis heute in Arnsberg hochgeschätzt wird. An der Tatsache, daß im Arnsberger Marienhospital unter der Leitung von Dr. Clemens Einhaus und mit seiner Billigung und Rechtfertigung zwischen 1934 und 1945 mindestens 79 (wahrscheinlich bis zu 150) Männer zwangssterilisiert wurden, kann kein Zweifel bestehen. Dr. Einhaus als leitender Arzt und Chirurg hat die operativen Eingriffe — offenbar ohne Assistenz der Ordensschwestern — durchgeführt.“