Inklusion hört in Schule nicht auf

Justin Weers
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Arnsberg.  „Inklusion“ ist das Thema der Zeit. Hierüber wird bundesweit heftig diskutiert. So auch in der Festhalle an der Promenade in Arnsberg unter dem Motto „Barrierefreiheit beginnt im Kopf“. Als prominenter Gast war Raúl Krauthausen einer Einladung von Bündnis 90/Die Grünen gefolgt. Der körperlich gehandicapte Autor stellte sein Buch „Dachdecker wollt ich eh nicht werden“ den zahlreichen Besuchern vor. Grünen-Sprecherin Verena Verspohl moderierte den Abend. Sie begrüßte auch die Landtagsabgeordnete Sigrid Beer und die Arnsberger Ratskandidatin Sigrid Alberti.

Dass Inklusion nicht nur das Bildungssystem betrifft, zeigt die frühe Abreise des 33-jährigen Aktivisten. Aufgrund von mangelnden Aufzügen am Arnsberger Bahnhof war es Raúl Krauthausen nicht möglich, direkt von Arnsberg aus nach Berlin zurückzukehren, so dass er sich ein Taxi zu einem anderen Bahnhof nehmen musste. Dieses Thema wurde auch in der anschließenden Diskussion wieder aufgegriffen. „Wir haben lange dafür gekämpft, die Bahn wird den Bahnhof dieses Jahr umbauen und so auch gehbehinderten Menschen die Chance geben, von Arnsberg aus zu fahren.“ so Arnsbergs Bürgermeister Hans-Josef Vogel (CDU) zur etwas umständlichen Abreise des prominenten Gastes per Bahn aus Arnsberg.

Raúl Krauthausen kommt in Peru mit Osteogenesis Imperfecta , der sogenannten Glasknochenkrankheit, zur Welt. In Berlin aufgewachsen macht er 2001 sein Abitur, arbeitet als Online-Konzepter und schließt sein Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation ab. Krauthausen stellt in Arnsberg ein Kapitel seiner Biographie vor, in dem es um seine Schulzeit geht. Er berichtet von den schlechten und den guten Erfahrungen seiner Jugend. Wie die Bundesjugendspiele für ihn waren und wie blöd er es fand, in einem Wettkampf Medizinbälle werfen zu müssen, obwohl ihm klar war, dass er sich mit niemandem messen kann. Es wird aber auch deutlich, wie wichtig es für ihn war, an Regelschulen zu lernen.

Humorvoll und ernst zugleich

Das Buch wirkt humorvoll und ernst zugleich, Das spiegelte auch die Reaktion der 100 Zuhörer wider. Es wurde viel gelacht, allerdings war es oft auch sehr still im Raum, besonders dann, wenn Krauthausen von seinen schlechten Erfahrungen berichtete. Und warum schrieb er die Biographie? „Freunde haben mich gefragt, ob ich mein Leben nicht mal aus meiner Perspektive beschreiben möchte“, erzählt Krauthausen.

In der Diskussion gab es zahlreiche Fragen zum inklusiven Schulsystem. Landtagsabgeordnete Sigrid Beer (Grüne) ist vorsichtig optimistisch: „In 15 Jahren werden wir von gelungener Inklusion sprechen können, aber auch dann ist sie noch nicht abgeschlossen. Inklusion ist ein Prozess.“ Krauthausen verfolgt hingegen eine radikalere Denkweise als die Politikerin. „Früher ging es um gemeinsamen Unterricht, heute geht es um die Eingliederung von Menschen mit Behinderung in den normalen Schulunterricht. Die Zeit des Wartens ist vorbei.“ Veranstaltungsgast Thomas Liefländer sieht das genauso: „Als Mensch mit Behinderung hat man mit vielen Vorurteilen zu kämpfen“, erzählte er, „es heißt, man sei nicht so leistungsfähig oder ständig krank. Das stimmt nicht, deshalb bin ich Krauthausens Meinung. Wir müssen jetzt etwas tun.“