„Hochgradig traumatisierte Frau“

Klaus Lindner

Neheim.  Die Hintergründe der vor dem Amtsgericht zur Anklage gebrachten drei Diebstähle einer 63-jährigen Frau aus Neheim waren hoch dramatisch. Ein solch bewegtes, katastrophales und tragisches Leben bekommt das Gericht nicht alle Tage zur Verhandlung.

Die von Hartz IV lebende, sechsmal verheiratete Angeklagte ist zig Mal wegen Diebstahls, aber auch sogar wegen gemeinschaftlichen Mordes an ihrem Stiefvater vorbestraft. Sie war jetzt angeklagt, in Arnsberger Supermärkten Waren in einem Wert zwischen zwei und 107 Euro gestohlen zu haben. Diese Vorwürfe gab sie unumwunden zu. Im Normalfall wäre sie dafür wahrscheinlich wegen der zahlreichen, einschlägigen Vorstrafen zu einer kurzen Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt worden. Doch dieser Fall stellte sich als außergewöhnlich dar.

Das Gericht hatte einen Sachverständigen, einen Facharzt für Psychiatrie, beauftragt, ein Gutachten hinsichtlich der Schuldfähigkeit zu erstellen. Die Frau, so der Sachverständige, habe eine beispiellose Biographie hinter sich. Als Kind und Jugendliche sei sie vergewaltigt worden. „Das hat auf ihrer Seele Narben hinterlassen“, so der Psychiater.
Auch der Mord an ihrem Stiefvater 1993, für dessen Mitbeteiligung sie zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden war, ist nicht spurlos an ihr vor­über gegangen. Die gemeinsame, von Familienmitgliedern geplante Tötung war angeblich aufgrund der Gewaltherrschaft des Opfers erfolgt. Ein weiterer Grund für den Mord war, dass der Stiefvater ein sexuelles Verhältnis zu der zwölfjährigen Tochter der Angeklagten unterhielt und das Kind missbraucht hatte. Man litt unter dem Diktat des Stiefvaters und wollte sich damals aus der Herrschaft des Despoten befreien. Seelisch schwer zu schaffen machte der Frau zusätzlich der frühe Tod zweier ihrer Kinder. Ein Sohn hatte sich beim Spielen erhängt. „Die Frau geht nicht mit dem Vorsatz zum Stehlen in die Geschäfte. Es kommt dann einfach über sie, und wenn der Diebstahl erfolgreich war, verspürt sie eine Entlastung ihres psychischen Druckes“, erklärte der Facharzt.

Sie brauche die gestohlenen Dinge gar nicht, wolle nur ein Erfolgserlebnis, um sich dadurch abzureagieren. Sie sei bei den Tatausführungen erheblich vermindert schuldfähig, ihre Steuerungsfähigkeit allerdings sei nicht gestört. „Sie brauchen dringend ärztliche Hilfe, eine Therapie. Es kann ihnen auch durch Medikamente geholfen werden“, riet ihr der Gutachter. So, wie es die Staatsanwältin beantragt hatte, wurde die Angeklagte zu einer Freiheitsstrafe von vier Monaten zur Bewährung verurteilt. „Die hochgradig traumatisierte Frau wegzusperren macht keinen Sinn. Die einzige vernünftige Lösung ist eine Therapie. Es ist der einzige Weg zur Hilfe. Nehmen Sie die gereichte Hand an“, so die Richterin. Ohne ärztliche Hilfe werde ihr Zwang zum Stehlen nicht beendet. Die Angeklagte wird für die Dauer der dreijährigen Bewährungszeit einem Bewährungshelfer unterstellt. Sie nahm das Urteil sofort an.